CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Das Pianoforte - 2007

Da war einmal ein Pianoforte, das war ein richtiges Konzertklavier. Es konnte - wie der Name schon sagt - ganz piano, das heißt leise, und ganz forte, das heißt laut, spielen. Doch sein Besitzer konnte gar nicht klavierspielen. Er hatte das Instrument geerbt und wusste nicht viel damit anzufangen. Aber die Eltern hatten immer gesagt: Das ist viel zu kompliziert, das lernst Du nie. Und so hatten sie ihm keinen Klavierunterricht gegeben. Ab und zu versuchte er sich an dem Instrument... ganz sacht drückte er die Tasten, manchmal schwang ein Ton. Oft aber blieb es stumm. Er wusste nicht, wie man die Saiten zum Klingen bringt - woher auch? Dann kam immer der blöde Onkel zu Besuch, der konnte spielen. Und der setzte sich ans Klavier und haute in die Tasten, dass alle sich die Ohren zu halten mussten... Das war seltsam! Einerseits wollte der Junge sein Instrument spielen können. Aber dann dachte er: Bevor ich so spiele, lass ich es lieber bleiben...

Aber ab und zu überkam es ihn. Dann versuchte er sich und jedes Mal misslang es. Er fand nicht die richtigen Töne. Das doofe Ding klang nicht so, wie es sein sollte. Nicht so, wie es bei anderen klang. Irgendwann - er war schon herangewachsen - klimperte er und plötzlich hörte er aus den Tönen, die er anschlug, "Hänschen klein" heraus... "Hänschen klein", dachte er, das ist doch ein Kinderlied. Wieso sollte ich ein Kinderlied spielen. Aus dem Alter bin ich doch wohl heraus! Aber es war das einzige Lied das er konnte. Und wenn er spielte, dann spielte er "Hänschen klein". Und wenn er sich dabei ertappte, dann ließ er es sein. Denn das ist doch ein Kinderlied... Ich möchte ein Klavierkonzert spielen können, dachte er, aber kein Kinderlied.

Hänschen klein ging allein
in die weite Welt hinein
Stock und Hut steh'n ihm gut
Er ist wohlgemut...
Aber seine Mutter weinet sehr,
hat ja nun kein Hänschen mehr.
Wünsch Dir Glück,
sagt ihr Blick,
kehr nur bald zurück.
Sieben Jahr, trüb und klar
Hänschen in der Fremde war
da besinnt sich das Kind
läuft nach Haus geschwind.

Einmal hörte die junge Frau von nebenan, wie der junge Mann wieder einmal "Hänschen klein" spielte. Sie spielte Flöte. Und da sie zufällig gerade ihr Instrument in der Hand hatte, da stimmte sie mit ein. So lernten sich die beiden kennen. Und sie brachte ihm bei, wie man Pianoforte spielt. Es war nicht einfach... Er dachte immer, sie müsste ihn für völlig bekloppt halten, weil er nicht wusste, was ein Akkord ist und wie man ihn spielt, nicht wusste, wie die Noten heißen und wie man sie aufs Papier und vor allem wieder davon ins Instrument bringt. Und oft schoss ihm der Satz seiner Eltern durch den Kopf: "Das lernst Du nie. Das ist viel zu kompliziert für dich!" Und dann gerieten sie in Streit und er sagte böse Sachen zu ihr und sie war sehr traurig. Aber - nach einer Zeit - versöhnte sie sich jedes Mal und dann fingen sie wieder an zu spielen... Und irgendwann konnte er Klavierspielen. Und sie spielte dazu Flöte. Und das klang wirklich sehr schön. Und so übten sie und übten... Womöglich würde das Pianoforte einmal das machen, wozu es gebaut worden war: Ein Konzert geben... Das Klavier träumte davon schon lange... Und manchmal, wenn Menschen nur zäh genug sind und sich nicht scheuen, da anzufangen, wo Kinder anfangen, wenn sie anfangen, dann gelingt ein Wunder. Es hat keinen Sinn auf Wunder zu warten. Man muss einfach mit was Einfachem anfangen... Mit "Hänschen klein" zum Beispiel...

Doch ist's nun kein Hänschen mehr,
nein, ein großer Hans ist er
braun gebrannt
Stirn und Hand
wird er wohl erkannt?
Eins, zwei, drei,
geh'n vorbei,
wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht:
Welch Gesicht?
Kennt den Bruder nicht.
Doch da kommt die Mutter sein,
schaut ihm kaum ins Aug' hinein,
ruft sie schon: Hans, mein Sohn!
Grüß Dich Gott, mein Sohn!

Aus meinem ehemaligen Peronnik L'Idiot Blog auf 360°