CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Der Einsiedler von Kuileen

Furt mit Steping Stones an der Old-Kenmare-Road

Zu jener Zeit, als in Irland viele heilige Männer lebten, da gab es einen Eremit in Skarrive a Kuileen, einem Ort gut acht Meilen westlich von Killarney. Der Eremit wohnte in einem groben Verschlag am Ufer des Gaddagh Flusses, nicht weit von der Furt, wo heute die Brücke ist. Von nah und fern kamen die Leute, nicht bloß um Gottes Worte von seinen Lippen zu vernehmen, sondern auch um von allerlei Leiden geheilt zu werden und auch in ganz weltlichen Dingen seinen Rat zu hören. Es wurde erzählt, dass dies ein wirklich heiliger Mann war und dass er in solchem Ansehen bei Gott stand, dass Engel ihn nährten und jeden Tag Brot aus dem Himmel brachten. Und so war es alle Zeit, bis zu jener stürmischen Nacht! Der Eremit öffnete die Tür seiner Hütte und blickte missmutig hinaus. "Was für 'ne schreckliche Nacht!", brummelte er. Es war spät und er war müde. Er schloss die Tür. War's die Müdigkeit? Wie's auch war, er vergaß "Ehre sei Gott!" zu sagen. Und für ihn, war dies eine schwere Sünde, so wie für andere Diebstahl oder Gewalttätigkeit.

Aber so wie er "Ehre sei Gott!" zu sagen vergessen hatte, so vergaßen die Engel am nächsten Morgen, ihm das Brot zu bringen. Auch am darauffolgenden Morgen brachten sie ihm nichts. Sie brachten ihm gar nichts mehr. Der Eremit wusste natürlich, dass er irgendetwas Falsches gemacht haben musste. Er bedachte sich genau, aber konnte keine Verfehlung finden. Er zermarterte sich den Kopf. Schließlich fiel ihm jene gräuliche Nacht ein und dunkel entsann er sich an seinen Fluch und da erinnerte er sich: Er hatte vergessen "Ehre sei Gott!" zu sagen.

Nun, da er wusste, was sein Vergehen war, dachte er über eine geeignete Buße nach. Schließlich nahm er seinen Wanderstab und stieg in die Mitte des Flusses. Er steckte den Stab in den Grund und sprach: "Ich werde nicht eher aus diesem Fluss steigen, als bis dieser geweihter Stab Wurzel schlägt und anfängt, Grün zu treiben!"

Er stand nicht lange dort, da kam ein bekannter Viehdieb zu der Furt und trieb gestohlene Rinder hindurch. Als er den heiligen Mann entdeckte, ging er zu ihm und fragte ihn: "Was machst Du hier im Fluss?" Da erzählte der Einsiedler von jener Nacht, von seinem Fluch und wie er vergaß "Ehre sei Gott!" zu sagen. Er erzählte von der Buße, die er sich auferlegt hatte. Der Dieb aber hörte alles bestürzt an: "Wenn dies die Strafe für ein so nichtiges Vergehen ist, wie schlimm wird es dann für mich werden, wo ich ein richtiger Sünder bin?"

Der Dieb beschloss es wie der Einsiedler zu machen: Er schnitt sich einen Ast von einer nahen Stechpalme und gesellte sich zu dem Einsiedler in den Fluss. Er bekannte seine Sünden und bat um Vergebung. Er schwor, genau wie der Einsiedler, nicht eher, als bis der Stab neu austreibe, den Fluss zu verlassen. Doch er brauchte nicht lange zu warten. Sein Stab schlug Wurzeln und trieb neues Laub aus. Der Dieb dankte Gott und stieg aus dem Fluss - doch der Eremit von Kuileen stand immer noch dort mit seinem blanken Wanderstab.

Nun, wollt ihr vielleicht wissen, warum einem Dieb all seine Untaten schneller vergeben werden als einem heiligen Mann, dass er in einer stürmischen Nacht nur einmal vergaß, "Ehre sei Gott!" zu sagen? Der Dieb bereute sein Tun und bat um Verzeihung. Der Einsiedler aber dachte all die Zeit bloß an das Brot der Engel und an seinen Ruf beim Volke.

Wie dem auch sei: Auch ihm wurde vergeben, in jener Nacht als eine Flutwelle vom Gebirge herabstürzte, da trieb der Stab frisches Grün. Doch die Flutwelle dachte nicht daran, einen Bogen um den heiligen Mann zu machen und so ertrank er in den Wassern. Im gleichen Moment stieg ein seltsames, weißes Licht zum Himmel auf. Der Dieb erkannte es und erzählte den Leuten, dass der Eremit von Kuileen nun erlöst sei. Bis heute vergessen die Leute aus der Gegend an dem Skarrive a Kuileen nicht, wenn sie an der besagten Stelle vorbei kommen, zu sagen: "Ehre sei Gott!"

Aus “Legends Of Killarney”, übersetzt und nacherzählt

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