CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

In Geschichten verstrickt - 2006

Es war einmal ein Mann, Wilhelm Schapp war sein Name und er war Philosoph und Richter in der schönen ostfriesischen Stadt Aurich. Er dachte viel über die Menschen nach - die Menschen und ihre Geschichten. Naja, sagt ihr, als Richter wird er wohl einige Märchen zu hören bekommen haben. Gewiss! Vor dem Richterstuhl wird manches erzählt. Ob das alles so stimmt, ist immer so ‘ne Sache. Aber nein, er dachte anders darüber nach: Er erkannte nämlich, dass, wenn wir irgendetwas von Menschen verstehen wollen, dann müssen wir uns ihre Geschichten anhören. Müssen uns anhören, worüber sich ein Mensch ärgert und was ihn freut. Müssen uns anhören, was ihn beschäftigt und was ihn kalt lässt. Wie er seinen Tag verlebt und wie er mit seinen Nachbarn umgeht. Was ihm wertvoll und was ihm überflüssig erscheint. Und all das werden wir nur erfahren, wenn wir uns seine Geschichte anhören. Die Geschichten, die die Menschen erzählen, in die Menschen verstrickt sind, die sie leben und erleiden. Es gibt in Wahrheit nichts, was wir über den Menschen sagen könnten, was nicht Teil einer solchen Geschichte wäre. Wir Menschen leben Geschichten, unser Leben ist eine Geschichte, die es zu erzählen und zu hören gilt.

Menschen erzählen uns oft Geschichten, manche sind gut ausgedacht, manche sind wahr. Manche Menschen können gut erzählen und es ist spannend, ihnen zuzuhören. Bei manchen, naja, bedauern wir nach dem ersten Satz, das wir gefragt haben. Immer aber erzählen die Menschen von sich - von dem, wie sie sind und wie sie gerne sein möchten. Und dies hängt unweigerlich zusammen. Und selbst, wenn der Mensch etwas zu verbergen sucht, er offenbart es unweigerlich - so wie er erzählt. Und auch, wenn manche Lebensgeschichte wenig märchen- oder sagenhaft erscheint - ja im Gegenteil sogar eher wie ein böser Traum oder eine Gruselgeschichte daher kommt - Märchen sind urverwandt mit unseren Lebensgeschichten: Märchen erzählen nämlich im Gegensatz zu Göttersagen und Mythen nicht von Übermenschlichem sondern von Menschen: ihren Nöten, ihren Verstrickungen und dem, was die Not wendet, den Gefangenen befreit und den Verwunschenen erlöst. Hans Christian Andersen hat die autobiographische Skizze, die als Vorwort seine Bücher einleitet, “Märchen meines Lebens ohne Dichtung” genannt. Märchen - zumindest die alten Volksmärchen - sind aber nicht Geschichten Einzelner, sondern Geschichten, die Einer erzählt und ein Anderer gehört und weitererzählt hat. Und dann gilt, was ich weiter unten gesagt habe:

Menschen erinnern sich an Märchen [und erzählen sie dann],
weil Märchen die Menschen an etwas erinnern,
was sie anrührt und bewegt.

Märchen sind also die Mustergeschichten hinter unserer (seelischen) Bewegung. Sie sind die Vorlagen und Abbilder des realen Menschenlebens. Sie sind Parallele und Variante der gelebten Geschichte. Oder wie Wilhelm Schapp sagen würde:

Der Mensch ist
- ob er will oder nicht -
in Geschichten verstrickt!

Mein Dank an Uwe Lauken, der mir erstmals von Wilhelm Schapp erzählt hat.

Aus meinem alten 360°-Blog