CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

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Erzählen - Was ist das eigentlich? - 2006

Meist, wenn ich mich frage, was ich mit einem Begriff anfangen soll, schlage ich im Herkunftswörterbuch nach. Erzählen ist zusammengesetzt: Die Vorsilbe er- wie ur- kann man verstehen als “zum Ende hin” und zählen hatte früher die doppelte Bedeutung “zählen” aber auch “berichten”. Deutlich verwandt mit niederländisch vertellen und englisch (to) tell sowohl “zählen” als auch “erzählen”…

Was hat aber denn die Geschichte mit der Zahl, das Erzählen mit dem Zählen zu tun? Das Wort Zahl kommt von einer uralten indogermanischen Vorstellung: Zum besseren Erinnern von z.B. Zahlen wurden Kerben in ein Holz geritzt (*del[e]- “spalten, kerben, schnitzen, behauen”). Solche Merkzeichen (armenisch tal “Einprägung, Eindruck, Zeichen, Vers”) dienten aber auch zum Erinnern oder Anzeigen von Anderem. Z.B. zum Anzeigen von Besitz wurden immer schon eingekerbte oder geritzte Zeichen verwendet. Als meine Kinder in die Schule kamen, wurde ich aufgefordert, ihren sämtlichen Besitz zu markieren, damit jeder merkt, wem was gehört.

Die Vollständigkeit prüfen wir bis heute mittels “Durchzählen”. Mein Vater liebt es, wenn all seine Werkzeuge an ihrem jeweiligen Platz liegen - ich bin nicht gar so ordnungsliebend… Wir haben also den Vorstellungskreis: Merkzeichen, Besitzanzeige, Vollständigkeit, (Durch-)Zählen, Alles am rechten Ort, Erinnern, Nicht-Vergessen…

Was hat das mit Erzählungen zu tun? Hatte ich nicht schon erwähnt: Jedes Märchen erinnert uns an etwas, was wichtig ist. Jede Geschichte, die erzählt, gehört und weitererzählt wird, zeigt, dass sie zu uns gehört… Eine gute Erzählung ist vollständig, alles hat seinen Platz. Und, obgleich es der Erzähler nicht vorzeitig verrät, sie wird auf ein Ende hin erzählt…

Erzählen bedeutet Etwas, was zu uns gehört und uns etwas bedeutet, vollständig von Anfang bis Ende berichten.

…und wo ich dies gerade schreibe, fällt mir der Sinn auf, den es macht in der psychologischen Behandlung. Heilend wirkt das Erzählen der eigenen Geschichte…

Erzählen ist mein Leben…

Aus meinem alten 360°-Blog


In Geschichten verstrickt - 2006

Es war einmal ein Mann, Wilhelm Schapp war sein Name und er war Philosoph und Richter in der schönen ostfriesischen Stadt Aurich. Er dachte viel über die Menschen nach - die Menschen und ihre Geschichten. Naja, sagt ihr, als Richter wird er wohl einige Märchen zu hören bekommen haben. Gewiss! Vor dem Richterstuhl wird manches erzählt. Ob das alles so stimmt, ist immer so ‘ne Sache. Aber nein, er dachte anders darüber nach: Er erkannte nämlich, dass, wenn wir irgendetwas von Menschen verstehen wollen, dann müssen wir uns ihre Geschichten anhören. Müssen uns anhören, worüber sich ein Mensch ärgert und was ihn freut. Müssen uns anhören, was ihn beschäftigt und was ihn kalt lässt. Wie er seinen Tag verlebt und wie er mit seinen Nachbarn umgeht. Was ihm wertvoll und was ihm überflüssig erscheint. Und all das werden wir nur erfahren, wenn wir uns seine Geschichte anhören. Die Geschichten, die die Menschen erzählen, in die Menschen verstrickt sind, die sie leben und erleiden. Es gibt in Wahrheit nichts, was wir über den Menschen sagen könnten, was nicht Teil einer solchen Geschichte wäre. Wir Menschen leben Geschichten, unser Leben ist eine Geschichte, die es zu erzählen und zu hören gilt.

Menschen erzählen uns oft Geschichten, manche sind gut ausgedacht, manche sind wahr. Manche Menschen können gut erzählen und es ist spannend, ihnen zuzuhören. Bei manchen, naja, bedauern wir nach dem ersten Satz, das wir gefragt haben. Immer aber erzählen die Menschen von sich - von dem, wie sie sind und wie sie gerne sein möchten. Und dies hängt unweigerlich zusammen. Und selbst, wenn der Mensch etwas zu verbergen sucht, er offenbart es unweigerlich - so wie er erzählt. Und auch, wenn manche Lebensgeschichte wenig märchen- oder sagenhaft erscheint - ja im Gegenteil sogar eher wie ein böser Traum oder eine Gruselgeschichte daher kommt - Märchen sind urverwandt mit unseren Lebensgeschichten: Märchen erzählen nämlich im Gegensatz zu Göttersagen und Mythen nicht von Übermenschlichem sondern von Menschen: ihren Nöten, ihren Verstrickungen und dem, was die Not wendet, den Gefangenen befreit und den Verwunschenen erlöst. Hans Christian Andersen hat die autobiographische Skizze, die als Vorwort seine Bücher einleitet, “Märchen meines Lebens ohne Dichtung” genannt. Märchen - zumindest die alten Volksmärchen - sind aber nicht Geschichten Einzelner, sondern Geschichten, die Einer erzählt und ein Anderer gehört und weitererzählt hat. Und dann gilt, was ich weiter unten gesagt habe:

Menschen erinnern sich an Märchen [und erzählen sie dann],
weil Märchen die Menschen an etwas erinnern,
was sie anrührt und bewegt.

Märchen sind also die Mustergeschichten hinter unserer (seelischen) Bewegung. Sie sind die Vorlagen und Abbilder des realen Menschenlebens. Sie sind Parallele und Variante der gelebten Geschichte. Oder wie Wilhelm Schapp sagen würde:

Der Mensch ist
- ob er will oder nicht -
in Geschichten verstrickt!

Mein Dank an Uwe Lauken, der mir erstmals von Wilhelm Schapp erzählt hat.

Aus meinem alten 360°-Blog


Unsichtbare goldene Äpfel - 2006

Seht Ihr die goldenen Äpfel
in meinen leeren Händen,
seht Ihr sie?

Zum ersten Mal hörte ich diese Worte am Anfang einer zauberhaften Vorstellung im Traumtheater Salome in Köln - vor vielen, vielen Jahren. Eine märchenhafte Geschichte um Liebe und Sehnsucht aufgeführt mit Akrobatik, Tanz und Zauber. Damals wusste ich noch nicht viel über Märchen, aber von der Stimmung war ich fasziniert und bewegt.

Und es sollten noch Jahre vergehen, bis ich irgendwann auf einem Flohmarkt das Märchenbuch “An den Nachtfeuern der Karawan-Serai” von Elsa Sophia von Kamphoevener erstand. Es wanderte erst einmal in den Schrank, wo es seinen Schatz verbarg. Erst einige Zeit später - als ich eine Märchenerzählerin mit eben diesen Worten ihre Märchenstunde eröffnen hörte - bekam ich den Hinweis auf das Buch und erinnerte mich, dass es bei mir im Schrank stand. Zuhause schlug ich es auf und da stand es: direkt als Erstes…

Gebt Acht, ich werfe sie Euch zu…
Einen für Dich dort vorne…
Einen für Dich dort hinten…
Auch Du dort an dem Pfeiler sollst einen haben…
Verwahrt sie nur gut!
Haltet sie sorgsam fest,
während ich Euch berichten will…
berichten, von dem was einmal war…
Frei nach Elsa Sophia von Kamphoevener

An den Nachtfeuern der Karawan-Serai

Aus meinem alten 360°-Blog


Erinnern - 2006

Menschen erinnern sich an Märchen,
weil Märchen die Menschen an etwas erinnern,
was sie angerührt und bewegt hat.

Aus meinem alten 360°-Blog


Irland - Lough Leane - 2006

Lough Leane

Der verzauberte Hirsch

Vor langer, langer Zeit - an einem Frühlingsnachmittag - kehrte O’Sullivan von Tomies mit seinen Jagdhunden heim. Da erblickte er einen prachtvollen Hirsch - groß wie ein Pferd, mit einem ausladendes Geweih. Nun O’Sullivan war rechtschaffend müde - war er doch schon morgens aufgebrochen. Doch so ein stolzes Tier konnte der Jäger nicht ziehen lassen. Er ließ seine Hunde los und jagte dem Hirsch nach.

Es war eine wilde Jagd! Der Hirsch sprang ihnen davon und rannte in einem fort. Am Lough Leane entlang, durch die Schlucht von Dunloe und über die Kuppen der Purpurnen Berge, vorbei am Berg, den man Adlerhorst nennt. Doch mit einem Mal - war er verschwunden. Noch nie hatten O’Sullivans Hunde eine Fährte verloren. Verwirrt blickte der Jäger um sich und entdeckte oberhalb einen großen Mann auf einem Felsvorsprung stehend:Das war kein anderer als Fionn MacCumhal. “Du dreister Kerl jagst meinen Hirsch nach?”, dröhnt er. Die Berge erzittern. O’Sullivan aber stieg furchtlos hinauf zu Fionn und sprach: “Jeder wahre Ire hat doch wohl das Recht zu jagen! Nicht mehr und nicht weniger beanspruche ich für mich! Und wie dem auch sei: Ich würde es jederzeit wieder tun.” Seine Verwegenheit gefiel Fionn. Er schlug den Jäger auf den Rücken und lachte: “Wärst es nicht du, O’Sullivan, gewiss - du würdest meine Rache zu spüren bekommen. Aber mein Hirsch hat dich wohl ziemlich weit gehetzt. Ich lade dich ein, willst du was trinken?” Mit seiner Ferse trat Fionn in den Fels und an dieser Stelle sprang eine Quelle hervor. Ein Bach stürzte sich den Berg hinab. O’Sullivan trank davon und es war der beste Whiskey Irlands.

Und wirklich die Quelle sprudelte noch lange Zeit - bis die Fremden kamen und ihre Füße auf Irlands Boden setzten. Seither führt der Bach nur noch Wasser. Aber seinen Namen hat der Wasserfall behalten: O’Sullivans Cascade.

Aus “Legends Of Killarney”, übersetzt und nacherzählt von mir

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