CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

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Märchen & Seele 3 – Der unumgreifliche Elefant

Elefant

Kennt ihr die Geschichte von Buddha und den Weisen? Buddha wurde gebeten zwischen mit sich streitenden Weisen zu entscheiden, wer nun recht habe. Er erzählte daraufhin eine Geschichte: Da war ein großer König, der hatte viele Gelehrte, die jedoch alle blind waren. Und immer stritten sie über die wahre Natur der Dinge. Um sie endlich zum Frieden zu bringen ließ der König aus einem fernen Land einen Elefanten herbei schaffen und jeder der Weisen durfte ihn an einer anderen Stelle betasten. Kaum hatten sie das getan stritten sie wieder über die Natur des Elefanten. Die einen, die die Stoßzähne betastet hatten, beschrieben den Elefanten gänzlich anders als jene, die die Beine oder die Ohren betastet hatten. Und obgleich ihre Beschreibungen so verschieden waren, beschrieben sie nur ein und dasselbe Tier.

Ich denke, fast alle, die im Arbeitskreis saßen, haben diese Geschichte gekannt, viele erzählen sie sogar. Aber auf die Frage "Was ist die Seele?" beginnen sie wie die Blinden in der Geschichte zu streiten. Dabei hätten sie besser ihr Teil-Wissen zusammengeworfen. Sie hätten besser getan, die Aussagen der jeweilig anderen, aufzunehmen und sie in Gedanken an die eigenen anzuschließen. Anschlussmöglichkeiten suchen statt sich abzugrenzen... Und womöglich wäre ein ganzer Elefant dabei rumgekommen.

Ich weiß, es ist schwierig, eine jede Meinung neben der eigenen stehe zu lassen...

Bildquelle ist mir leider nicht mehr bekannt
Aus meinem alten Blog auf blog.de


Märchen & Seele

Märchen bewegen uns.

Irgendwie sind sie Ausdruck von Seelenbewegungen und sie bewegen ihrerseits die Seele. Manchmal mehr, manchmal weniger. Manchmal ist es ein angenehmes Streicheln, manchmal ein leichtes Schubsen und Knuffen, manchmal schlagen sie uns vor den Kopf. Im Alltag ist es absolut normal und hinreichend, dass wir die Märchen lieben, die uns nett bewegen, und die Märchen nicht mögen, die uns irritieren und verstören.

Die Frage, die zuerst zu beantworten ist, ist also: Was will ich von den Märchen, von diesem bestimmten Märchen? Will ich gestreichelt werden oder suche ich Konfrontation mit Störendem.

Was wollen uns Märchen erzählen? Was wollen wir hören?

Aus meinem alten Blog auf blog.de


Märchen & Seele 2

Eins ist sicher: Jeder hat eine Seele, oder?

Eine große Runde. Mitten im Raum steht die Frage: Was ist die Seele? Antworten hallen als Echo aus allen möglichen Ecken der Runde wieder. So unterschiedlich und dissonant wie man sich nur vorstellen kann. Naiv, alltäglich, psychologisch, philosophisch, theologisch, spirituell, esoterisch… So widersprüchlich, sich widersprechend, sich gegenseitig verwerfend und kritisierend, sich bekämpfend… Doch eines haben sie alle gemeinsam: Alle sagen, dass sie eine Seele haben.

Dass sie eine Seele HABEN?

Haben? So wie man einen Kugelschreiber, ein Auto, ein Haus, einen Mann / eine Frau, Kinder, einen Job, braune oder blaue Augenfarbe, Haare (oder eben keine) auf dem Kopf hat Hat man einen Körper? Kann man einen Körper HABEN? Hat man eine Seele? Kann man eine Seele HABEN? Ich bin… Ich bin ich. Ich bin ein Körper und ich bin eine Seele.

HABEN oder SEIN?

Ist das nur der Widerspruch zwischen Materialismus und Idealismus – auf den es ein Diskussionsteilnehmer verkürzen will? Ist das bloß eine belanglose Verdrehung und Ablenkung? Ist das bloß ein Ausweichen vor den eigentlich wichtigen Fragen? Oder ist es der Kernpunkt einer Psychologie des Menschen?

Aus meinem alten Blog auf blog.de


Die Brüder und das Nullsummenspiel

Die Brüder auf dem Goldhorn von Gallehus

Eine Idee, die hinter dem Mondheld steckt, stecken könnte, ist, dass die Menschen die Verbundenheit von Brüdern in einem Schicksal erfahren haben und dass sie die Erfahrung gemacht haben, dass des Einen Vorteil zuweilen des Anderen Nachteil ist. In der Wissenschaft nennt man dies ein Nullsummenspiel. Macht einer Gewinn (z.B. + 10,- €) macht der Andere Verlust (z.B. – 10,- €) und beides summiert sich zu 0,- €. Die Welt ist nicht immer so. Es gibt auch Zusammenhänge, in denen Wachstum möglich wird, in denen die Summen aller Gewinne und Verluste nicht gleich Null sind – ebenso ist es möglich, dass es Schwund gibt, dass einfach alle Verlust machen. Aber im Alltag gehen wir spontan davon aus, dass des Einen Vorteil eines Anderen Nachteil ist. So lange wir auf der Vorteilsseite sind, stört uns das ja auch nicht so doll.

In der urtümlichen, recht überschaubaren Lebenswelt der Menschen war dies aber problematisch. Wenn ich Früchte fand und sie benutzte um MEINEN Hunger zu stillen, dann konnte kein Anderer seinen Hunger damit stillen. Wenn ich die Gunst eines anderen Menschen erwarb, dann war diese Möglichkeit einem Anderen verwehrt. Menschen wurden also zu Rivalen, Rivalen um Ressourcen und die Gunst des Schicksals und der Göttlichen. Was also, wenn ich in einer überschaubaren Gemeinschaft eine solche Rivalität erlebte?

Genau dort beginnt der Mondheldmythos: Des Einen Vorteil und des Anderen Nachteil kann nämlich eine einfache Lösung finden, die allerdings aus heutiger Sicht zunächst irritiert. Wenn Einer nämlich den Nachteil für alle auf sich nimmt, dann erhalten ja die Anderen den Vorteil! Die Idee des sich selber opfernden Heldens entsteht. Kein Menschenopfer im heutigen Verständnis – kein Opfern von Unnötigen, Entbehrlichen, Unliebsamen durch die Hand eines Mächtigen, sondern ein freiwilliges, heldenhaftes Sich-selber-Opfern zum Vorteil der Gemeinschaft, die ich liebe und schützen möchte. Wir kennen dieses heroische Motiv aus Hollywoodfilmen und der Literatur. Zwar verlieren wir den Sich-Opfernden schnell aus dem Blick und schauen nur auf die glücklichen Bevorteilten, aber zumindest bei mir regt sich angesichts dieser Opferbereitschaft und dieses Mutes ein seltsames – nicht negatives – Gefühl. Wenn ich sehe, wie Menschen in Katastrophensituationen ihre eigenen Interessen hintan stellen und ihr Leben und Wohlergehen riskieren, um andere Menschen zu retten, dann überläuft mich ein Schauder… Nicht wohlig aber auch nicht entsetzt…

Was also, wenn die Uridee des Mondhelden genau dort ansetzt: Der eine Bruder opfert sich für das Wohl des Anderen.

Aus einem Buch über das Goldhorn von Gallehus
Aus meinem alten 360°-Blog


Erzählen - Was ist das eigentlich? - 2006

Meist, wenn ich mich frage, was ich mit einem Begriff anfangen soll, schlage ich im Herkunftswörterbuch nach. Erzählen ist zusammengesetzt: Die Vorsilbe er- wie ur- kann man verstehen als “zum Ende hin” und zählen hatte früher die doppelte Bedeutung “zählen” aber auch “berichten”. Deutlich verwandt mit niederländisch vertellen und englisch (to) tell sowohl “zählen” als auch “erzählen”…

Was hat aber denn die Geschichte mit der Zahl, das Erzählen mit dem Zählen zu tun? Das Wort Zahl kommt von einer uralten indogermanischen Vorstellung: Zum besseren Erinnern von z.B. Zahlen wurden Kerben in ein Holz geritzt (*del[e]- “spalten, kerben, schnitzen, behauen”). Solche Merkzeichen (armenisch tal “Einprägung, Eindruck, Zeichen, Vers”) dienten aber auch zum Erinnern oder Anzeigen von Anderem. Z.B. zum Anzeigen von Besitz wurden immer schon eingekerbte oder geritzte Zeichen verwendet. Als meine Kinder in die Schule kamen, wurde ich aufgefordert, ihren sämtlichen Besitz zu markieren, damit jeder merkt, wem was gehört.

Die Vollständigkeit prüfen wir bis heute mittels “Durchzählen”. Mein Vater liebt es, wenn all seine Werkzeuge an ihrem jeweiligen Platz liegen - ich bin nicht gar so ordnungsliebend… Wir haben also den Vorstellungskreis: Merkzeichen, Besitzanzeige, Vollständigkeit, (Durch-)Zählen, Alles am rechten Ort, Erinnern, Nicht-Vergessen…

Was hat das mit Erzählungen zu tun? Hatte ich nicht schon erwähnt: Jedes Märchen erinnert uns an etwas, was wichtig ist. Jede Geschichte, die erzählt, gehört und weitererzählt wird, zeigt, dass sie zu uns gehört… Eine gute Erzählung ist vollständig, alles hat seinen Platz. Und, obgleich es der Erzähler nicht vorzeitig verrät, sie wird auf ein Ende hin erzählt…

Erzählen bedeutet Etwas, was zu uns gehört und uns etwas bedeutet, vollständig von Anfang bis Ende berichten.

…und wo ich dies gerade schreibe, fällt mir der Sinn auf, den es macht in der psychologischen Behandlung. Heilend wirkt das Erzählen der eigenen Geschichte…

Erzählen ist mein Leben…

Aus meinem alten 360°-Blog