CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Die Monde

Die Monde

Verworren ist der Weg des Mondes
Wo er groß und leuchtend ist,
ist er im Elend und in Not.
Wo er klein und unscheinbar ist,
ist er in Geborgenheit und Licht.
Wo er wächst, da verläuft er sich ins Dunkel.
Wo er schwindet, findet er Anschluss ans Licht.
Licht und Dunkel,
Wechsel und Wandel,
sind sein Wesen.
Verworren verwoben, sich bedingend,
sich verhindernd, sich verkehrend.

Verworren ist der Weg des Menschen,
dem Monde gleich,
wächst er heran,
gelangt zu Größe und Ruhm,
und doch schwindet er dahin und
verliert sich im größeren Lichte.

Verworren sind die Wege
von Mensch und Mond...
Sind sie nicht einander ähnlich,
haben sie nicht dieselbe Mutter?


Der Mond als ewiger Wanderer

Wenn wir unseren Blick in der Nacht zum Himmel wenden, so sehen wir die vielen Sterne, die dort ihren Platz haben. Zwar dreht sich der Himmel über Nacht, aber die Sterne bleiben immer an derselben Stelle. Aber augenscheinlich gibt es einzelne Himmelsleuchtend, die nicht an Ort und Stelle bleiben, sondern durch den Himmel, entlang dem Tierkreis wandern. Der auffälligste Wanderer ist der Mond. Er wandert nicht nur am schnellsten, sondern verändert dabei auch noch stetig seine Gestalt.

Die Monde

Der Mond und seine Zyklen

Es gäbe so viele astronomische Details über den Mond zu erzählen, aber das ist nicht die Absicht dieser Seiten. Deshalb werde ich mich hier auf das für meine Geschichte Wesentliche beschränken. Dies sind die beiden verschiedenen Mondzyklen:

Das Lunar

Das Lunar: In etwa 27 1/3 Tagen durchläuft der Mond einmal den Tierkreis, so dass er nach dieser Zeit wieder an demselben Punkt des Himmelhintergrundes steht. Astrologisch ist dies die wichtigste Beobachtungsart des Mondes. Dort fragt man vor allem danach, in welchem Sternzeichen der Mond steht. Allerdings ist dies ein Phänomen, welches sehr genaue Beobachtung voraussetzt. Uns interessiert es hier folglich nicht!
Nebenbei: Auch der Mond rotiert um seine eigene Achse und braucht dafür genau die gleiche Zeit wie für einen Umlauf um die Erde, d.h. er wendet der Erde immer dieselbe Seite zu. Wir sehen immer ins gleiche Mondgesicht. Die Rückseite des Mondes hat man erst von Raumschiffen aus betrachten können.

Die Lunation

Die Lunation: Dies ist der Licht- und Gestaltwechsel des Mondes. Der Mond läuft um die Erde und zeigt uns dabei immer dieselbe Seite, dasselbe Gesicht. Allerdings läuft auch die Sonne um die Erde (oder Erde und Mond um die Sonne - da es relative Bewegungen sind, ist es gleich, was man sich als unbewegt denkt!). So kommt es, dass die Sonne immer verschiedene Teile der Mondoberfläche beleuchtet, wir entsprechend immer nur bestimmte Teile sehen können. Wir sagen: Der Mond nimmt zu und ab und meinen damit, dass es so aussieht, als ob der Mond von einer dünnen Sichel zu einem Vollmond heranwächst und schließlich zu schwinden beginnt bis er gar drei Tage nicht zu sehen ist. Dieser Zyklus, die Lunation dauert etwas länger als das Lunar, nämlich 29 1/2 Tage. Dieses Phänomen lässt sich ohne weitere Hilfsmittel beobachten und war schätzungsweise eines der ersten himmlischen Phänomene, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen haben.

Letzterer Zyklus stand Pate für die "Monate". Das Sonnenjahr (als Vegetationszyklus) mit seinen etwa 365 Tagen lässt sich ohne Hilfsmittel kaum als solches überblicken. Doch am Himmel wurde den Menschen eine Unterteilung angeboten, mit deren Hilfe es möglich war die Zeiten für Aussaat und Ernte hinreichend genau zu beschreiben. Binnen eines Jahres durchlief der Mond gut 12 mal seinen Zyklus. Die Idee der 12 Monate war geboren. Zwar weist dieser Kalender eine nicht unerhebliche Ungenauigkeit von gut 10 Tagen pro Jahr auf, aber dies lässt sich durch das Einfügen eines Schaltmonats alle 2-3 Jahre relativ einfach lösen. Wenn man nun hingeht und auf 19 Jahre verteilt 7 Schaltmonate einfügt, so kommt man in dem großen lunisolaren Zyklus auf eine Abweichung von nicht einmal 2 Stunden. (Einen solchen Kalender benutzen z.B. die Chinesen.)

Um nun den Mondzyklus eingehender betrachten zu können, müssen wir uns einen festen Beobachtungszeitpunkt suchen. Dazu wählen wir den Sonnenunter- bzw. -aufgang. Dadurch brauchen wir keine Zeitmesser oder andere Hilfsmittel zu bemühen. Wo man einen Kreislauf beginnen lässt ist ja eigentlich gleichgültig und doch werden die Meisten von uns dazu tendieren, den "Anfangspunkt" des Lichtwechsels des Mondes beim ersten Sichten der neuen Sichel anzusetzen. Entgegen der normalen Sprachgewohnheit, die unter "Neumond" die dreitägige Abwesenheit des Mondes versteht, nenne ich diese Phase den "neuen Mond".

Der neue Mond Der neue Mond

Wenn wir nach dem neuen Mond Ausschau halten wollen, so müssen wir dies paradoxerweise abends tun. Eines Abends bei Sonnenuntergang gewahrt man im Westen, dicht bei der Sonne eine hauchdünne Sichel. Wenn es dämmriger wird, dann sieht man auch die dunkle Schattenseite des Mondes. Doch dieses Glück währt nicht lange, denn der Mond folgt der Sonne und geht ebenfalls bald unter.

Dass man die Schattenseite des Mondes sehen kann, hat einen einfachen Grund! Auf dem Mond ist nämlich noch ziemlich "Vollerde". Das Licht, welches die Tagseite der Erde reflektiert, beleuchtet die Schattenseite des Mondes. So sehen wir diese in ein fahles Licht getaucht.

Der Mond war natürlich schon den ganzen Tag dicht bei der Sonne unterwegs, doch man konnte ihn nicht sehen. Er hob sich gegen den lichten Taghimmel nicht als Gestalt ab.

Der zunehmende Mond Der zunehmende Mond

Von nun an werden wir jeden Abend früher den Mond gewahr. Er nimmt zu, wird lichter und entfernt sich in genau dem selben Maße von der Sonne - Richtung Osten. Jeden Abend steht er ein Stück weiter östlich. Seine Schattenseite, die wir anfänglich sehen konnten, verschwindet binnen weniger Tage. Bald steht er schon tagsüber am Himmel. Zu Halbmond dann können wir ihn mittags im Osten aufgehen sehen.

DerVollmond Der Vollmond

Nun ist es 14 Tage her, dass man abends die neue Sichel gesichtet hatte: Der Mond ist voll und rund. Er geht im Osten auf gerade, wenn die Sonne im Westen untergeht. Dabei ist er häufig in einen rötlichen Schein gefasst. Er durchschreitet majestätisch die Nacht. Er ist der Nachtherrscher! Sein Licht vermag alles in einen wunderbaren silbrigen Schein zu tauchen.

Wenn die Nacht zu ende geht, am Morgen, geht der Mond im Westen unter, während die Sonne im Osten aufgeht. Wieder erscheint der Mond rötlich. Am anderen Ende des Horizontes erstrahlt die Sonne, die zwar nicht größer zu sein scheint, und doch ungleich strahlender und leuchtender.

Von nun an muss sich unser Beobachtungszeitpunkt ändern! Abends - zu Sonnenuntergang - werden wir den Mond von nun an nicht mehr gewahr. Aber zu Sonnenaufgang können wir ab jetzt seine weiteren Veränderungen eingehend verfolgen.

Der abnehmende Mond Der abnehmende Mond

Von nun an schwindet der Mond. Er entrundet sich von rechts her und wird immer weniger. Weiterhin steht er jeden Tag ein Stückchen weiter östlich. Auch wandert seine Erscheinung damit aus der Nacht in den Morgen. Bald sehen wir ihn am Vormittag noch am Himmel stehen. Als Halbmond geht er erst gegen Mittag unter.

Der schwindende Mond Der schwindende Mond

Nun hat der Mond die Nacht wieder verlassen. Kurz vor der Sonne geht er im Osten, am Morgen auf. Seine Schattenseite wird in der Dämmerung wieder sichtbar. Doch der leuchtend blaue Tageshimmel überstrahlt bald die dürftige Sichel.

Der neue Mond Der dunkle Mond

Was gibt es viel zu sagen über etwas, was man nicht sehen kann? Nun dedektivisch können wir fragen, wo wurde es zuletzt gesehen und wo wird es beim nächsten Mal wieder neu entdeckt. Damit aber kommen wir nicht um die Tatsache herum, den Aufenthaltsort des Mondes während seiner Abwesenheit genauer zu bestimmen. Bevor er verschwindet, hat er die Nacht gen Morgen verlassen und steht westlich der Sonne am Morgenhimmel. Wenn er nach der Abwesenheit wieder auftaucht, so taucht er abends auf und wandert in die Nacht ab. Er steht östlich der Sonne. D.h. während wir den Mond nicht sehen, versteckt er sich eben nicht in der Dunkelheit der Nacht, sondern im Licht des Tages, ganz dicht bei der Sonne.

Dies ist ein kleines Paradox, welches uns noch weiter beschäftigen wird. Hier soll erst einmal die Erkenntnis hinreichend sein: Der unsichtbare Mond ist bei der Sonne am Tage unsichtbar.


Die Monde

Der Mensch als ewiger Wanderer

Für unsere Vorfahren war die Sache klar. Sie beobachteten den Mond und seinen Gestaltwechsel als Hilfsmittel in ihrem Kalender. Der Mond war für sie der ewige Wanderer. Am Anfang seiner Reise nimmt er Abschied von der Sonne und von dem Tag und zieht hinaus in die Dunkelheit. In der Nacht gewinnt er seine Größe und seinen Glanz. Doch dann kehrt er zur Sonne und ihrem Tag zurück und wird im selben Maße wieder klein und unsichtbar.

Erinnnert dies nicht an die Lebensgeschichte des Menschen? Er wird klein und unscheinbar in der Nähe der Feuerstelle des Hauses geboren. Zunächst bleibt er dort... Doch dann zieht es es ihn hinaus in die Welt - in die Welt fern des heimischen Herdes, dessen Wärme und Licht. Wenn es ein großer Mensch ist, so wird er sich in der Welt da draußen bewähren, wird selber strahlend und bewunderswert. Doch dann wird er irgendwann zurück kehren wollen. Sich dem Haus, dem Herd und seinen Gesetzmäßigkeiten unterordnen müssen... Wenn er kein eigenes Haus gründet, wird er wieder klein werden müssen.


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