CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Die Sonne

Die Sonne

Oben am Himmel - da leuchtet unser Taggestirn
Es bringt uns Licht und Wärme
In seinem Schein sprießt das Leben
Unten im Haus - da leuchtet uns das Herdfeuer
Umfängt uns mit seinem strahlenden Glanz
Dort sammeln sich die Menschen
Dort sitzt die leuchtende Braut
Die frauliche Maid - die herrliche Frau - unserer aller Mutter
Und bereitet uns das Mahl
Lädt uns zu holder Gemeinschaft ein


Die Sonne als Lebensspenderin

Wir Heutigen haben wohl das Gefühl verloren, das unsere Vorfahren einst noch bezüglich der Sonne gehabt haben müssen. Hier, in Nord-, West- und Mitteleuropa, war die Sonne wohl die wichtigste Erscheinung. Sie war es, die durch ihr Licht und ihre Wärme das Gedeihen der Feldfrüchte, das Reifen des Obstes und der Beeren bewirkte. Ja, selbst das Vieh auf seinen Weiden und im nahen Wald war abhängig von der Sonne. Wollte sie nicht scheinen und den Tag erwärmen, so waren die Menschen hoffnungslos verloren.

Die Sonne war und ist die Garantin des Lebens. Sie ist es, die alles Leben hervorgebracht und dadurch die Mutter allen Lebens ist. Wie im Kleinen die Hausmutter, so im Großen die Sonne... Sie ist es, welche das Leben erhält. So spiegelt sich das Leben unten und oben gegenseitig wider.

Die Sonne und ihre Zyklen

Ja, um jeder Verwirrung vorzubeugen: Es sind zwei Zyklen! Astronomisch sind es zwei Drehbewegungen. Wir "wissen" natürlich heute, das diese Bewegungen nicht von der Sonne ausgehen, sondern von der Erde. Aber dennoch erscheint es uns als die Bewegung der Sonne.

Der Jahreszyklus

Der Jahreszyklus bewirkt die Jahreszeiten. Schon die ersten Ackerbauern, die nach dem Ende der Eiszeit Europa besiedelten, mussten den Gang der Sonne durch das Jahr kennen. Brachten sie die Saat nur etwas zu früh oder etwas zu spät aus, war die Ernte gefährdet. Das aber bedeutete Hunger, wenn nicht sogar Tod! Um den Jahreszyklus mit seine 365 Tagen überblicken zu können, bedurften sie jedoch eines Kalenders, den sie wahrscheinlich unter der Zuhilfenahme des Mondes konstruieren konnten.

Die Sonne wandert binnen eines Jahres einmal durch den ganzen Zödiak, durch den Reigen der Sternzeichen. Dies zu erkennen setzt jedoch schon recht genaue Beobachtungen voraus, da während wir die Sonne sehen können, der Himmelshintergrund und damit der Zödiak unsichtbar ist. Offensichtlicher war da schon, dass der Mond jedesmal, wenn er im Laufe des Jahres 12-13 mal voll war, in einem anderen Sternzeichen stand. So entstanden die Monate, die uns helfen das Jahr zu teilen und zu überblicken.

Eigentlich entsteht das Jahr natürlich nicht durch eine Sonnenbewegung, sondern durch den Umlauf der Erde um die Sonne und die um einige Grade gegenüber der Sonnenbahn geneigte Erdachse. Dadurch ändert sich im Laufe des Jahres die Höhe der "Sonnenbahn" über dem Horizont und mit ihr die "Länge" des lichten Tages. Beide Faktoren haben einen direkten Einfluss auf die Tagestemperatur und darüber auf das Wachstum der Pflanzen.

Der Tageszyklus

Der Tageszyklus der Sonne steht in einem direkten Verhältnis zum Jahreszyklus. Morgens geht im Osten die Sonne auf, abends im Westen unter. Mittags steht sie in den gemäßigten Breiten Europas in von der Jahreszeit abhängiger, sehr verschiedener Höhe über dem südlichen Horizont.

Sie bringt uns Licht und Wärme und ermöglicht uns so erst unser Tagwerk. Denn die dunkle Nacht eignet sich für unsere meisten Aktivitäten nicht besonders. Dies ist wohl mit ein Grund dafür, warum wir heute alles mit künstlichem Licht zu erhellen suchen.

Bei genauerer Betrachtung dreht sich der ganze Himmel mit der Sonne mit. Denn am Abend steht das Stück Himmel, welches morgens im Osten stand ebenfalls im Westen. Damit ist also der ganze Himmel gewandert.

Eigentlich bewegt sich jedoch wieder nicht die Sonne (geschweige denn der Himmel), sondern die Erde rotiert binnen 24 Stunden einmal um die eigene Achse. Diese Rotation aber erzeugt die relative Bewegung von Sonne und Himmel.

Haus und Gemeinschaft : Das Herdfeuer als Sinnbild der Sonne und des Lebens

So wie die Menschen nicht ohne Sonne leben konnten, so konnten sie auch nicht ohne die Gemeinschaft mit anderen Menschen leben. Diese war hier in Nord-, West- und Mitteleuropa - soweit uns die Archäologie belehrt - in den meisten Fällen eine Lebens- oder Hausgemeinschaft von etwa 20-30 Personen. Das Zentrum der Gemeinschaft war urtümlich der Lagerplatz mit der Feuerstelle, später dann das Haus mit dem Herdfeuer. Das Feuer spendete während der Abwesenheit der Sonne Licht und Wärme.

Frau als Spenderin des Lebens und Zentrum der Gemeinschaft

Über das Leben dieser Gemeinschaften wissen wir vergleichsweise wenig. Und doch dürfen wir annehmen, dass die Frauen die Hüterinnen des Feuers waren und damit im Zentrum der Gemeinschaft standen. Viele frühe Kulturen kannten sogar priesterliche Ämter für das Hüten des Feuers, etwa die Vestalinen in Rom.

Die Frauen waren nicht nur als Hüterinnen des Feuers eine symbolische Vertretung der Sonne. Nein, sie waren es auch, die das Leben jeden einzelnen Menschen spendeten. Denn jeder Mensch wurde von einer Frau geboren. Somit zentrierte sich die Gemeinschaft gleich in mehrfacher Hinsicht um die zentrale Gestalt der Herrin des Hauses. Und so wie die Sonne uns Menschen leuchtet, so leuchtete die Frau als Mutter und Braut, als Inbegriff der Gemeinschaft schlechthin.

Zu der Diskussion über Matriarchat und Patriarchat: Ich halte beides nicht für kulturhistorische Stufen, sondern vielmehr für Schwerpunktsetzungen in der Organisation von Hauswirtschaften. D.h. wer hat über was in einer Hausgemeinschaft zu bestimmen. Und: wie tritt dadurch eine der beiden zentralen Hausgestalten (nämlich Hausherr [Patriarch] oder Hausfrau [Matriarch]) im öffentlichen Leben und Ansehen in Erscheinung. Denn die grundsätzliche Organisationstruktur des Hauswesens hat sich bis zum Ende der größeren Hausgemeinschaften nicht wirklich grundlegend geändert. Anders aber das gesellschaftliche Ansehen der verschiedenen Rollen innerhalb des Systems.

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