CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Die Zwillinge und ihre Braut

Die Zwillinge

Freyr, der Sohn Njörds und Skadis, hatte sich einmal auf Hlidskjalf, den Sitz Odins, gesetzt, von wo man über alle Welten sehn konnte. Da sah er in Riesenheim eine schöne Maid gehen, davon ergriff ihn tiefe Schwermut.
...

Skirnir trat zu Freyr in die Halle:

Antworte, Freyr,
Asgards Heerwalt,
was ich wissen will:
warum sitzest du
im Saal, mein König,
einsam immerdar?

Freyr:

Wie sagt ich dir,
Gesell, du junger,
meinen großen Gram?
Der Albenstrahl
leuchtet alle Tage,
doch nicht der Minne mein.

Skirnir:

Deine Minne
wird so mächtig nicht sein,
daß du sie nicht künden kannst;
in unsrer Jugend
waren wir oft zusammen:
uns ziemt Verschlossenheit schlecht.

Freyr:

Gehen sah ich
in Gymirs Hof,
die ich minne, die Maid:
die Arme glänzten,
von ihnen strahlten
die Luft und das Land.

Die Maid ist mir lieber,
als ein Mädchen noch
je einem Jüngling war;
von Asen und Alben
nicht einer uns gönnt,
zusammen zu sein.

Skirnir:

Gib mir das Roß,
zu durchreiten die düstre
verwunschne Waberlohe,
die Klinge auch,
die kämpft von selbst
wider der Riesen Reihn!

Freyr:

Ich geb dir das Roß,
zu durchreiten die düstre
verwunschne Waberlohe,
die Klinge auch,
die kämpft von selbst,
gewann sie ein Wissender.

Skírnismál - Edda - Genzmer Übersetzung


Der beiden Brüder auf ihrem Weg

Es gibt eine Art von Märchen und Mythen, die nicht so recht in unsere gängigen Vorstellungen passen will. Das erste Mal begegenet sie mir bewusst in Form der Brautwerbungsgeschichten der germanischen Edda. Einer verliebt sich, wird krank, weil er nicht weiß, wie er die Braut gewinnen soll. Dann bietet sich sein Bruder, sein Halb- oder Blutsbruder, sein Jugenfreund oder Diener an, für ihn die Braut zu werben. Und dies gelingt.

In den Geschichten taucht weder Mond noch Sonne auf - zumindest nicht so direkt... Aber in allen drei Fällen wird davon erzählt, dass die Behausung der Braut von Waberlohe - einer Art Burggraben oder -wall aus Feuer - umgeben ist. An andere Stelle in der germanischen Überlieferung wird nun aber die Sonne die Waberlohe des Weltenraumes genannt. Auch wird um die holden Bräute ein Glanz verbreitet, der die Idee nähren kann: Meine Liebe, meine Wärme, mein Licht, meine Sonne...

Also nicht direkt aber indirekt verbreitet sich ein sonnenhafter Glanz um die Braut - die Sonnenbraut! Und der männliche Held muss wandern, wandern wie der Mond. Er muss dabei seine Gestalt verändern: Swipdagr gibt sich als ein anderer aus, für Freyr geht sein Diener Skírnir, für Gunnar geht sein Schwurbruder Sigurð, für den König geht sein treuer Diener Johannes, um die Prinzesin vom goldenen Dache zu freien, für Ivan Zarewitsch geht sein Diener Bulat, um Wassilissa Kiribitjevna zu gewinnen... Seine Gestalt verändern - wie der Mond. Und noch mehr:

Meist sind es zwei männliche Helden - der eine strahlend: ein Gott, ein König oder Königssohn... Der andere aber: Sein Diener, der zurückgesetzte Bruder, der Ziehbruder oder Wahlbruder. Ein lichter, der nicht zur Braut gelangen kann und deshalb krank wird, ein unscheinbarer - darf an dieser Stelle schon ich dunkler sagen? - der den Weg macht und zur Braut gelangt... Wie beim Mond: Der leuchtend helle Vollmond der krank wird und abnimmt, um den dunklen Mond schließlich zur Sonne gehen zu lassen. Ein Mondheld! - oder besser zwei Mondhelden!

Nach und nach kamen andere Geschichten hinzu und vervollständigten das Bild:

Der Mondheld und sein Weg

Es gibt zwei grundlegend verschiedene Varianten. Die erste beginnt bei der Sonne und endet bei ihr. Die zweite beginnt beim Vollmond und endet bei ihm. Es sind Kreisläufe - daher ist es natürlich egal, wo ich sie beginnen lasse. Aber sie enden dort, wo sie gestartet sind. Ersteren Weg möchte ich hier behandeln, letzteren unten.

Der Weg beginnt bei im Haus der Sonne, an den Herdfeuern der Mütter - wo bleiben die Väter? Ach ja, wie heißt es immer so treffend im Märchen: "Nun musste aber einmal der König in den Krieg ziehen und während seiner Abwesenheit..."


Das Haus der Sonnenmutter

... "Hör", sprach der Fisch, "ich sehe wohl, ich soll immer wieder in deine Hände fallen, nimm mich mit nach Hause und zerschneide mich in sechs Stücke. Zwei davon gebe deiner Frau zu essen, zwei deinem Pferd, und zwei leg in die Erde, so wirst Du Segen davon haben." Der Mann nahm den Fisch mit nach Hause und tat, wie er ihm gesagt hatte. Es geschah aber, dass aus den zwei Stücken, die in die Erde gelegt waren, zwei goldene Lilien aufwuchsen und dass das Pferd zwei goldene Fühlen bekam und des Fischers Frau zwei Kinder gebar, die ganz golden waren. ...

Die Goldkinder - Grimm: Kinder und Hausmärchen 85

Die beiden Mondhelden treten auf. Häufig gehen sie aus einer besonderen Geburt, einer wunderbaren Empfängnis hervor:

  • Die beiden Helden werden zeitgleich mit zwei Pferden, zwei Hunden und weiterem geboren.
  • Eine Herrin und ihre Dienerin werden nach dem Genuss eines Fisches (oder Ähnlichem) schwanger und bringen gleichzeitig die beiden Helden zur Welt.
  • Eine Frau bekommt Zwillinge - im Mythos häufig von unterschiedlichen Vätern - z.B. von einem Gott und von ihrem menschlichen Gatten.

Manchmal ist die Vorgeschichte nicht sonderlich ausgebreitet. Uns wird nur von einem Herrn und seinem Diener, von zwei Brüdern oder Ziehbrüdern berichtet.

Der lichte Bruder macht sich auf den Weg

Fischer und Fischerin, Söhne und Fohlen, Hündchen und Bäumchen befanden sich ganz wohl und gesund und der Segen des Himmels schien auf ihnen zu ruhen. Das ging lange, lange Zeit so fort.
Wie schon viele Jahre verstrichen waren und einmal wieder der Frühling kam, fiel es plötzlich dem ältesten der Söhne ein, weiterzuwandern und die schöne Welt zu schauen.

Der Fischer - Zingerle: Kinder- und Hausmärchen aus Tirol

Beide oder einer von ihnen macht sich irgendwann auf den Weg in die große Weite Welt. Der andere bleibt häuslich oder kehrt bald zurück. Die Gründe für den Auszug sind unterschiedlich, doch meist ist eine gehörige Portion Abenteuerlust dabei. Sich beweisen in der Welt, Großes verbringen wollen, sich ein Erbe erkämpfen wollen.

Seltener ist es Not oder Zwang. Der Held flieht falschen Verdächtigungen oder Übergriffen der Frau des Bruders...

Der Lichte setzt sich gegen den Dunklen durch

Es waren einmal zwei Brüder, sagt man, von ein und derselben Mutter und von ein und demselben Vater. Anubis war der Name des älteren, Bata der Name des jüngeren. Anubis besaß ein Haus und eine Frau, während sein jüngerer Bruder bei ihm lebte wie ein Sohn und Diener. Bata war es, der für ihn Kleider macht, der seinem Vieh auf die Weide ging, und er war es auch, der pflügte und der für ihn erntete, kurz, er war es der für Anubis alle Feldarbeit verrichtet. ...

Das altägyptische Brüdermärchen - Um 1200 v.Chr.

Wie auch immer der Auszug gestaltet ist: Einer der Helden wird Herr, der andere Diener. Einer bewährt sich in der Welt, der andere bleibt zu Hause. Einer geht als Gewinner aus einem Kampf - z.B. einem Drachenkampf hervor. Der andere beweist sich nichts und bleibt daheim...

Der Lichte erstrahlt in seinem herrschaftlichsten Glanz

Der junge König aber merkte wohl, daß der getreue Johannes immer an einer Tür vorüberging, und sprach »warum schließest du mir diese niemals auf?« »Es ist etwas darin,« antwortete er, »vor dem du erschrickst.« Aber der König antwortete »ich habe das ganze Schloß gesehen, so will ich auch wissen, was darin ist,« ging und wollte die Türe mit Gewalt öffnen. Da hielt ihn der getreue Johannes zurück und sagte »ich habe es deinem Vater vor seinem Tode versprochen, daß du nicht sehen sollst, was in der Kammer steht: es könnte dir und mir zu großem Unglück ausschlagen.« »Ach nein,« antwortete der junge König, »wenn ich nicht hineinkomme, so ists mein sicheres Verderben: ich würde Tag und Nacht keine Ruhe haben, bis ichs mit meinen Augen gesehen hätte. Nun gehe ich nicht von der Stelle, bis du aufgeschlossen hast.«
Da sah der getreue Johannes, daß es nicht mehr zu ändern war, und suchte mit schwerem Herzen und vielem Seufzen aus dem großen Bund den Schlüssel heraus. Als er die Türe geöffnet hatte, trat er zuerst hinein und dachte, er wolle das Bildnis bedecken, daß es der König vor ihm nicht sähe: aber was half das? der König stellte sich auf die Fußspitzen und sah ihm über die Schulter. Und als er das Bildnis der Jungfrau erblickte, das so herrlich war und von Gold und Edelsteinen glänzte, da fiel er ohnmächtig zur Erde nieder.

Der treue Johannes - Grimm: Kinder- und Hausmärchen 6

Der Herr ist auf dem Höhepunkt der Macht angelangt. Und genau da entdeckt er in der Ferne ein Gut, eine Braut, die zu erringen er nicht im Stande ist...

Der Lichte verliert an Glanz

Der Königssohn schlich betrübt von dannen, ass nicht und trank nicht und wurde von Tag zu Tage zusehends schwächer. Da sah der alte König ein, dass dem Unglück nicht mehr zu wehren sei: "So oder so tot," dachte er und erlaubte den Brüdern, ein Schiff auszurüsten und nach Engelland zu segeln.

Die drei Raben - Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen

Der Herr wird ohnmächtig! Der Mächtig verliert seine Macht... Liebeskummer und Sehnsucht können krank machen. Es gibt nur eine Rettung. Die Brautwerbung muss gewagt werden.

Der Dunkle tritt auf den Plan

Bis sie aufbrachen,
Brünhild zu frein,
wobei Sigurd sich
ihnen gesellte,
der junge Wölsung,
der Wege kundig;
sein war die Holde,
wenn er sie haben sollte.

Jüngeres Sigurdlied - Edda - Genzmer Übersetzung

Am andern Morgen untergrub Prinz Friedrich drei Ecksteine des Hauses und fand dort die goldene Gotzel, den goldenen Degen und die goldene Rute; sodann zogen die Prinzen ihre Pferde aus dem Stalle, schwangen sich darauf und ritten davon. Die goldene Gotzel aber sprang dem Prinzen Friedrich aus der Tasche und rollte im Sande vor ihnen her, bis sie an das wilde Meer gelangten. Hier stieg Prinz Friedrich vom Pferde und schlug mit dem goldenen Degen dreimal in die Meereswogen hinein. Sofort staute sich das Wasser zu beiden Seiten, dass sie wie auf einer breiten Strasse zur Steinklippe ritten. Auch die goldene Rute that ihre Dienste, und es währte nicht lange, so sprang, wie die schwarze Jungfer vorher gesagt hatte, auf das Klopfen des Prinzen Friedrich die zwölfte Thüre auf, und die wunderschöne Prinzess hing dem Prinzen Karl am Halse.

Von der wunderschönen Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe
Jahn: Volksmärchen aus Pommern und Rügen

Ab nun bestimmt der unscheinbare Bruder, der Diener die Handlung. Woher auch immer: Er weiß wie das Vorhaben gelingen kann und vermag mit List und/oder Mut die Braut Werbung angehen.

Der Dunkle erreicht die Sonnenbraut

Abends ward er in das königliche Bette gebracht, aber er legte ein zweischneidiges Schwert zwischen sich und die junge Königin: sie wußte nicht, was das heißen sollte, getraute aber nicht zu fragen.

Die zwei Brüder - Grimm: Kinder- und Hausmärchen 60

Stellvertretend wirbt der Dunkle um die Braut. Zum Zeichen seiner Treue legt er das Schwert zwischen sich und die Braut. Diese Treue ist wichtig in der Geschichte und häufig kommt es gerade durch die Befürchtung einer Untreue zu Verwicklung. Nicht selten wird der treue Diener zum Tode verurteilt oder versteinert. Manchmal wird er erschlagen. Und obgleich der lichte Held nicht selbst befreien konnte, vermag er den Bruder vom Tode zu erwecken.

Hier kann der Kreislauf enden oder neu beginnen.

Ein neuer Zyklus beginnt / die Geschichte geht weiter

An dieser Stelle gibt es verschiedene Fortsetzungen. Zum einen kann die Geschichte an dieser Stelle einfach enden. Anders aber kann es gehen, wenn aus der Beziehung von Herr und Braut nun Kinder hervorgehen und das Abenteuer sich fortsetzt. Aber häufiger ist noch eine andere Variante: Die Braut ist zwar geworben, doch nun muss sie noch in das Reich des Herrn gebracht werden. Dieses geschieht häufig durch eine Art von Entführung.

Dann gilt es Verfolger abzuschütteln. Kämpfe, Opfer und Verwicklungen müssen überstanden werden. Meist weiß der Herr nichts davon. Alles macht der Helfer, der das Wissen häufig durch Vogelweisagungen erhalten hat. Er unterliegt dabei aber einem Schweigegelübte. Bricht er es muss er versteinern. Dann kommt es regelmäßig zu einer Probe der Treue.

Da fing der Stein an zu reden und sprach "ja, du kannst mich wieder lebendig machen, wenn du dein Liebstes daran wenden willst." Da rief der König "alles, was ich auf der Welt habe, will ich für dich hingeben." Sprach der Stein weiter "wenn du mit deiner eigenen Hand deinen beiden Kindern den Kopf abhaust und mich mit ihrem Blute bestreichst, so erhalte ich das Leben wieder." Der König erschrak, als er hörte, daß er seine liebsten Kinder selbst töten sollte, doch dachte er an die große Treue, und daß der getreue Johannes für ihn gestorben war, zog sein Schwert und hieb mit eigener Hand den Kindern den Kopf ab. Und als er mit ihrem Blute den Stein bestrichen hatte, so kehrte das Leben zurück, und der getreue Johannes stand wieder frisch und gesund vor ihm.

Der treue Johannes - Grimm: Kinder- und Hausmärchen 6


Die Kesselvariante

Die Kesselvariante nenne ich die in der Mythologie vorkommende Variante, bei der nicht eine Braut zu gewinnen ist, sondern ein Kessel oder dessen Inhalt zu beschaffen ist. Meist erfahren die Götter von einem wundersamen Kessel und wollen ihn erlangen. Dazu müssen sie sich verkleidet oder verwandelt in das Haus des Besitzers - oder der Besitzerin - begeben. Sie entwenden ihn, werden aber auf der Flucht verfolgt und müssen sich der Nachstellungen erwehren.

Die Flucht ähnelt dann den Märchenfluchten mit der Braut. Was mich dazu bewegt hat, die Varianten zu trennen, ist, dass diese Varianten nie in dem Sonnenhaus enden. Um in der Metapher des Mondhelden zu bleiben: Der Held hatte nie vor, sich mit der Sonnenbraut zu vereinen, zur Sonne in den Tag zu gehen. Er wollte lediglich etwas von ihr rauben, um dann wieder in seine nächtliche Herrschaft zurückzukehren.


Bild der Zwillinge aus einem Buch über das Goldhorn von Gallehus