CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Luzern 2001 - Die Sonnenbraut und ihr Mondheld

Jean-Gebser-Tagung - Luzern 2001

Der folgende Vortrag wurde am 20. Oktober 2001 auf der 27. Jahrestagung der internationalen Jean Gebser Gesellschaft (IJGG) in Luzern gehalten und in dem entsprechenden Jahresbericht der Gesellschaft veröffentlicht. Die Tagung stand unter dem Motto "Beseeltes Universum". Um diesen Kontext und die Verbindung zu der Philosophie Jean Gebsers deutlich zu machen, möchte ich kurz den Einladungstext aus dem Tagungsprogramm wiedergeben:

Im Geiste eines integralen Bewusstseins, wie es Jean Gebser umrissen hat, lässt sich der Mensch nicht ohne Universum, das Universum nicht ohne Menschen denken. Wir neigen als Zeitgenossen des Rationalismus, der unbemannten und bemannten Raumfahrt dazu, früheren Umgang mit dem Universum als überholt und unwissenschaftlich zu betrachten und als unqualifiziert abzuurteilen.

Image Die Figur auf der Titelseite des Tagungsprogramms lehrt uns ein anderes. Hugo Kükelhaus, von Jean Gebser hoch geschätzt, der uns diese Figur vermittelt hat, schreibt dazu: "Mit dieser Höhlenzeichnung hat ein Mensch vor fünfzehntausend Jahren dargestellt, wie er sich selber sieht. Aufrecht stehend, die Fäuste geballt, das Haupt: Mittelpunkt eines Reigens von Sternen, deren innerer Kreis von neun beschrieben wird: Die neun Monde (Monate) im Mutterleib. Geboren um als ein Wesen zwischen Himmel und Erde das Oben und das Unten, das Unten und das Oben in wechselwirkender Verbindung zu halten. Das ist sein Amt."

Bild und Text legen den Gedanken nahe, dass es zur Natur des Menschen gehört und schon immer gehört hat, sich als Wesen zwischen ernährender Erde und gestirntem Himmel zu orten. In der Beschäftigung mit dem Universum greifen wir auf unseren Ursprung zurück. Ursprung wird Gegenwart. Wie oben so unten, so umschrieben frühe Weise die Verbindung von Mikrokosmos und Makrokosmos, von innen und außen. Da der Mensch sein Innen stets als beseelt erlebt hat, spürte er im Universum beseelte Mächte und kommunizierte mit ihnen. Wir versuchen hier, solche Wege der Kommunikation ins Bewusstsein zu rufen und miteinander in Beziehung zu setzen. Waltet eine höhere Ordnung in diesem Universum wie in uns selber, die sich ausdrückt in der Bewegung der Sterne, den Gesetzen der Zahlen, dem Leben der Natur und ihren schwer erklärbaren Erscheinungen? Ist dieses Universum nur eine Konstruktion unseres Innern oder ist es auch eine äußere Realität? Die neue Wahrnehmungs-Forschung, der Konstruktivismus, stellt hier für die meisten von uns schwer nachvollziehbare Fragen. Es sind unbeantwortbare Fragen, die uns aber umsomehr herausfordern. Wir möchten mehr wissen, aber auch fühlend erfahren, in unserem ganzen Sein angesprochen werden.

In Vorträgen, bildlichen und akustischen Darbietungen, Gesprächen und gemeinsamem Tun wollen wir uns ins Spannungsfeld Mensch - beseeltes Universum hineinwagen.

Das Zusammensein von Menschen ähnlicher Wellenlänge möge im Rahmen der gastlichen und weltoffenen Stadt Luzern heiter und inspirierend sein.

Otto Schärli

Die Sonnenbraut und ihr Mondheld
Eine himmlische Liebesgeschichte in der germanischen Mythologie und ihr psychologischer Hintergrund

Titel und Thema dieser Tagung heißen "beseeltes Universum". Wir sind hier zusammengekommen, um uns in das "Spannungsfeld Mensch - beseeltes Universum" (Tagungsprogramm) hineinzuwagen - bemüht um eine Integration von Mythischem und Mentalem. Ich werde genau diese Seiten zu verbinden suchen, wenn auch naturgemäß - ich verstehe mich hier vornehmlich als Wissenschaftler - die mentale Annäherung an einen alten Mythos im Vordergrund steht. Mein Vortrag ist eine (sehr stark verkürzte) Darstellung meiner Diplomarbeit, an der ich momentan arbeite.

Geschlechtlichkeit von Sonne und Mond in Sprache und Mythos

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, warum es die Sonne und warum es der Mond heißt? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen - man könnte auch sagen: aufgestoßen - dass die Grammatik unserer Sprache unserem symbolischen Weltverständnis widerspricht? Schließlich ist der Mond doch weiblich - was man ja schon aus der zeitlichen Analogie zwischen Mond-Monat und weiblichem Zyklus ablesen kann - und die Sonne ist entsprechend männlich. Wenn wir in die Symbollehren verschiedenster Ausprägungen schauen, in die Archetypenlehre der Jungianischen Psychologie, in den uralten Pantheon der Griechen… Überall finden wir - so scheint es - das einheitliche Bild eines männlichen Sonnengottes und einer weiblichen Mondgöttin. Selbst feministische Matriarchatsforscherinnen bestätigen diese Urkonstellation von Männlichkeit und Weiblichkeit (vgl. z.B. Göttner-Abendroth 1993).

Auch in Gebsers Werk "Ursprung und Gegenwart" (1949) findet sich der Kommentar, dass der Mond "nur im Deutschen ein Maskulinum"(341) sei. Daraufhin betont Gebser - ganz im Sinne der gängigen Symbollehren - den weiblichen, gebärenden Charakter des Mondes neben seinem Todesaspekt. An anderem Ort schreibt er in einer Fußnote:

Dass Sonne und Mond, die beiden regierenden Symbole und Repräsentanten der psychischen Grundkräfte par excellence, im Deutschen die Geschlechter vertauschen, lässt ohne Zweifel auf eine kompensatorische Funktion dieses Volkes in bezug auf andere europäische Völker schließen […] (380)

Was müssen wir also von dieser "totale[n] Verfälschung der urmythischen Kräfte" - wie es der Schweizer Märchenerzähler Jakob Streit (1989: 5) einmal ausdrückte - halten? Ist unsere Sprache etwa falsch?

Man sagt im Allgemeinen, dass die Sprache - im Vergleich zu Mythen und Weltanschauungen - recht konservativ sei: Bei aller Veränderlichkeit bleibe sie doch sehr lange ihrem Ursprungssinn treu. Sie bewahre über unglaublich lange Zeit ihre Symbole und deren Verhältnisse untereinander.

Die Brüder Grimm (1991) haben in ihrem deutschen Wörterbuch detailliert aufgezeigt, dass das uns überkommene Geschlechterverhältnis von Sonne und Mond seit jeher im Deutschen so war. Zwar gibt es einzelne regional und zeitlich begrenzte Nebenformen, die eine andere Geschlechtsverteilung zwischen den Worten kennen, doch dies sind eben Nebenformen. Zum Teil sind es auch gelehrte Versuche, die deutsche Sprache der als richtiger empfundenen lateinischen anzupassen, doch keiner davon hat sich durchsetzen können. Selbst die neuerlich von Feministinnen eingeführte "Mondin" ist nicht in die Alltagssprache eingegangen.

Außerdem muss richtiggestellt werden, dass längst nicht nur das Deutsche einen männlichen Mond und eine weibliche Sonne kennt. Zumindest die keltischen Sprachen verteilen die Geschlechtlichkeit in gleicher Weise, wie der französische Keltologe Jean Markale (1990) ausdrücklich betont. Da ich kein Sprachforscher bin, fehlen mir darüber hinaus Informationen, wie die Verteilung der Geschlechter in anderen Sprachen ist.

Mythologisch ist das Bild ebensowenig eindeutig! Zwar wird immer wieder behauptet, dass das Bild von Sonnengott und Mondgöttin so richtig und auf aller Welt so sei, doch selbst Verfechter dieser Ansicht können nicht umhin einzugestehen, dass es sehr wohl andere Vorstellungen gibt:

  • Die Basken z.B. kannten für Mond und Sonne nur weibliche Gottheiten, während die Völker Mesopotamiens ebenso wie die Ägypter für beide vornehmlich männliche Götter bevorzugten (vgl. z.B. Bellinger 1989).
  • Der große Ethnologe und Mythologe Leo Frobenius (vgl. 1904: 346f.) beschrieb zudem vor nunmehr fast hundert Jahren, dass die Völker Ostafrikas, des Südens und Ostens Asiens, Ozeaniens und im westlichen Amerika die heute gängige Version der Mondgöttin und des Sonnengottes - die er selbst auch für die richtige hielt! - kannten, während die Völker Westafrikas, Australiens, des nördlichen eurasischen Kontinents sowie im Osten Amerikas die Gegenfassung wählten, die er zudem als "älter" einschätzte!

Somit scheinen die Vorstellungen unserer grammatikalischen Geschlechtsverteilung nicht allzu exotisch zu sein. Gerade bei den Germanen stoßen wir jedoch noch auf ein ganz anderes Problem: Zwar finden sich in den meisten mythologischen Nachschlagewerken die Hinweise auf die Sonnengöttin Sól und den Mondgott Mani, doch bei genaueren Nachforschungen entpuppt sich dies als falsch!

Es gibt nur einige wenige, äußerst fragwürdige Hinweise auf eine Sonnengöttin in der germanischen Überlieferung, keine jedoch auf einen Mondgott. Sonne und Mond waren offenbar - ganz wie bei den Kelten (vgl. Botheroyd & Botheroyd 1995: 135ff.) - nicht personifiziert - ungeachtet einer möglichen, kultischen Verehrung. Besagte Personen Sól und Mani sind zwei Kinder, die von ihrem Vater - wegen ihrer Schönheit - Sonne und Mond genannt wurden. Die Götter wurden darüber zornig und entrückten die Kinder zur Strafe an den Himmel. Dort dienen sie seither der echten Sonne und dem echten Mond als Wagenlenkerin bzw. -lenker (vgl. Simek 1984).

Die Geschichte des Mondhelden in der germanischen Mythologie

Ich möchte nun im Weiteren ganz speziell auf meine Forschungsarbeit eingehen. Vor einigen Jahren stieß ich auf ein bemerkenswertes Ensemble von Geschichten, von denen ich hier eine kurz wiedergeben möchte. Sie stammt aus der altisländischen Liederedda und wird das Skirnirlied (älter auch Skirnirs Fahrt; altnordisch Skírnismál) genannt. Stark zusammengefasst ist ihr Inhalt folgender:

Einmal setzt sich der Gott Freyr auf den Thron Odins, von dem man alle Lande überschauen kann. Da erblickt er im Osten, im Reich der Riesen eine schöne Frau namens Gerðr. Er verliebt sich in sie und beginnt vor Liebeskummer krank und missmutig zu werden, da ihm klar ist, dass er nicht zu ihr gelangen kann. Skírnir, sein Jugendfreund und Diener, wird von seinen besorgten Eltern zu ihm geschickt, die Ursache für seinen Kummer zu erfragen. Als Skírnir den Grund erfährt, macht er sich sogleich mit Freyrs Pferd - und bewaffnet mit dessen Schwert - auf ins Reich der Riesen. Er überwindet dank des Pferdes und des Schwertes die Hindernisse: eine Waberlohe (Das ist eine Art brennender Burgwall!) und einen Wächter. Vor Ort freit er zunächst mit Geschenken um die Frau, als dies nicht fruchtet auch mit Drohungen, doch diese lehnt hartnäckig ab. Dann aber stößt Skírnir die wildesten Verwünschungen aus, durch die - um sie doch noch abzuwenden - Gerðr schließlich in ein Treffen mit Freyr einwilligt. Dieser aber - anstatt sich zu freuen - weiß nicht, wie er nur die verbleibende Wartezeit bis zu ihrem Zusammentreffen (neun Nächte) überstehen soll…

Zwei weitere Male begegnen wir in der Liederedda einer ganz ähnlichen Geschichtenstruktur: In der märchenhaften Liebesgeschichte um Svipdagr und Menglöd (Fjölswinnlied; ) und in den Heldengedichten um Sigurð und Brynhild - die unserem Nibelungenlied eng verwandt sind.

Diesen drei Geschichten ist gemein, dass sich ein Mann schicksalhaft in eine Frau verliebt, die er nicht zu erreichen vermag. Ein Anderer muss sich statt seiner auf den Weg machen, um sie für ihn zu freien. (Einmal gibt sich der Mann lediglich als ein Anderer aus!) Nach der Überwindung einer Waberlohe und eines riesischen Wächters gelangt er schließlich zu ihr und erhält ihre Gunst.

Dieses Geschichtenmuster hat sein Pendant am Himmel. Haben Sie jemals aufmerksam den Lichtwechsel des Mondes und die jeweilige Stellung unseres Erdtrabanten zur Sonne verfolgt? Dort findet sich nämlich eine ganz ähnliche Motivik - wenn man gewillt ist, die Himmelserscheinungen zu beleben und zu personifizieren!

Bei Vollmond "erblickt" der im Westen untergehende Mond am östlichen Horizont die aufgehende Sonne! Er beginnt die nächsten Tage - eigentlich natürlich Nächte - "vor Liebeskummer" zu schwinden. Doch mehr und mehr wird klar, dass der lichte Mond die Sonne nie erreichen kann. Sein schwarzer Bruder - die dunkle Seite des Mondes - muss für ihn - für die lichte Seite - zur Sonne wandern und dort für ihn um sie werben.

Ich kann hier durch den Rahmen bedingt nicht ausführlicher auf einzelne Motive eingehen. Ich möchte der Vollständigkeit halber erwähnen, dass auch die Vorgeschichten der beteiligten Personen sich perfekt in den Lichtwechsel des Mondes einfügen und dass diese konsequenter Weise die Zeit von Neumond bis Vollmond ausfüllen.

Um diesem Erzähltypus einen handhabbaren Namen zugeben, habe ich ihn - in Abgrenzung von und Anlehnung an den "Sonnenhelden" des Leo Frobenius (1904) - den "Mondheld" genannt. Bislang ist er meines Wissens nach nicht wissenschaftlich beschrieben und untersucht worden.

Weiterhin zeigt sich, dass es spezielle Varianten dieses Stoffes in der nordischen Tradition gibt. Dort findet sich die geliebte Frau symbolisch durch Anderes, welches jedoch immer direkt dem weiblichen Bereich entnommen ist, ersetzt. Im Merklied des Rígr (Rígþula) ist es z.B. ein Haus mit seiner Herdstelle, wo der Wanderer für drei Tage einkehrt. In anderen Liedern (z.B. das Hymirlied [Hymiskviða]; "Die Gewinnung des Dichtermets" im Skáldskaparmál 4-6) erscheint es hingegen als Kessel bzw. dessen Füllung, die geraubt werden müssen.

Auf einen kurzen Nenner gebracht, wird in den erwähnten Erzählungen ein Bild von Männlichem und Weiblichem gezeichnet, welches recht außergewöhnlich ist. Einmal werden dem Mond männliche Züge zugeordnet und der Sonne weibliche - was sich ja immerhin mit der deutschen Grammatik sinnreich deckt. Doch damit nicht genug: Dem Mondmann werden Qualitäten verliehen, die so ganz und gar nicht in das Bild vom rauen, alten Germanen passen wollen - ebensowenig in unser heutiges Rollenverständnis. Er ist es, der wechselhaft und in jeder Hinsicht abhängig von der Frau, von ihrer Gunst und Zuwendung, ist. Er besitzt einen doppelten Charakter: Hat eine lichte und eine dunkle Seite, zwischen denen er unablässig oszilliert und zwischen denen eine gewisse Spannung herrscht, die er und sie zu ertragen haben. Sie, die Sonnenfrau, hingegen steht im Mittelpunkt von allem und residiert herrschaftlich in ihrem Hause, erweist ihm gnädig die Ehre, sie besuchen zu dürfen.

Die beiden erinnern an die Göttin und ihren Heros von Göttner-Abendroth (1993) doch weisen die beiden Paare bemerkenswerte Unterschiede auf: Bei Göttner-Abendroth ist die Frau, die Göttin ausdrücklich und immer eine Mondgöttin, sie ist es die sich verwandelt und die zentrale Handlungsgestalt ist. Der Mann ist als Sonnenheros unveränderlich und relativ passiv. Darin unterscheidet sich diese Vorstellung zentral von dem von mir herausgearbeiteten Typus. Beim Mondhelden ist es nämlich umgekehrt. Der Mann ist der aktive, sich verwandelnde, wenn auch abhängige Part, während die Frau unveränderlich und passiv, aber überaus machtvoll die Handlung auf sich als Ziel zentriert.

Ich kann nicht alle einzelnen Aspekte aufzählen und werde mich deswegen mit einigen wenigen Hinweisen begnügen: So stellt sich bei eingehender Untersuchung z.B. heraus, dass die Frau, die Sonne, sich über das Haus und die Herdstelle als Bild der Lebensgemeinschaft selbst entpuppt, während der Mann, der Mond, als ein einsamer Wanderer, der individuelle Mensch aus ihr (der Gemeinschaft) hervortritt, in der harten Welt "dort draußen" zu seiner wahren Größe heranwächst, dann aber wieder zurück in den heimatlichen Schoß gezogen wird - wobei die personalen Träger der "Heimat" sehr wohl gewechselt haben können: vom elterlichen Haushalt zum gemeinsamen Haushalt mit dem Ehepartner z.B.

Der Mondheld und seine Bedeutung für Heute

Nun bin ich Psychologe und kein Mythologe. Was ist also meine Ambition mich mit dem Mondhelden und seiner Geschichte zu beschäftigen? Mir geht es nicht um die "Entdeckung" irgendwelcher "alten" Götter, nicht um die Rekonstruktion eines Urmythos. Mir geht es um die Analyse einer Geschichtenstruktur, von der ich annehme, dass sie damals wie heute ihre Bedeutung hatte und hat.

Grundlegend glaube ich - und hier geht es nun ganz konkret um "das beseelte Universum" - dass die "Alten", die diese Mythen erzählten, in den Himmelserscheinungen nichts anderes vorfanden als das, was sie alltäglich erlebten. Sie entdeckten "oben" am Himmel genau das anschaulich und vorbildhaft dramatisiert, was sie "unten" auf Erden in ihrer Kultur umgab - nur, dass die Himmelserscheinungen in ihrer Größe und ihrer beständigen, wiederkehrenden zeitlichen und räumlichen Ordnung eine Art Proto- oder Archetyp für die oftmals chaotischen Geschehnisse des Alltags abgeben konnten. Trotzdem oder gerade deswegen gewähren diese Mythen einen Einblick in das gesellschaftliche Leben jener Zeit ihrer mündlichen Tradition.

Somit geht es - wenn man so will - um die (Sozial-)Psychologie bzw. Soziologie des germanischen Gesellschaftslebens, welches als womöglich in Vergessenheit geratenes Fundament unter den Überbauungen späterer Jahrhunderte begraben ist. Doch unsere Kultur steht auf diesem Urgrund und es könnte eines Tages sich als hilfreich erweisen, diesen Ursprung zu kennen. Der gesellschaftliche Wandel der letzten Jahrzehnte - namentlich die Veränderungen in den Geschlechterrollen, die Dynamisierung in den beruflichen und familiären Lebensläufen - wird in Zukunft auch "neue" psychologische Ansätze nötig machen, um Menschen einen angemessenen Bezugsrahmen für ihr Leben zu geben. Warum soll nicht ein uralter Mythos dabei als Vorlage dienen, der seinem Wesen nach jene Unbeständigkeit und Flexibilität zum Ausdruck bringt, der eine Oszillation zwischen Individuellem und Sozialem, zwischen Ich und Du, zwischen Ich und Wir bildhaft und lebhaft vorstellt.

Wir haben in dem Mythos vom "Mondhelden" und der "Sonnenbraut" eine solche uralte und zugleich hoch aktuelle Vorlage für unsere Gegenwart. Es könnte unser allzu statisches, lineares durch ein dynamisches, zyklisches Weltbild ergänzen und zu einer Integration von neuen/alten Umgangsweisen führen.

Wissenschaftlich sehe ich jedoch noch weiteren Forschungsbedarf. Es wäre zu klären, ob dieses Muster womöglich nur in dem von mir diesbezüglich untersuchten nord-germanischen Kulturkreis auftaucht oder ob es nicht auch anderenorts zu finden ist. Meine ersten Seitenblicke ergeben zumindest für den keltischen Kulturkreis augenfällige Parallelen. Seine gesellschaftliche und vor allem geschlechtsspezifische Bedeutung und Relevanz ist bislang nur ansatzweise von mir angedacht. Derzeit liegt mein Hauptaugenmerk auf seinen psychologischen Implikationen, die ich jedoch in ihrer Umfänglichkeit hier nicht ausführen kann.

Ich hoffe, ich habe Ihnen mit dieser kurzen Darstellung einen kleinen, nachvollziehbaren Eindruck von meiner derzeitigen Auseinandersetzung mit der Psychologie einer Himmelserscheinung geben können. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Ihr Interesse geweckt und Ihre Aufmerksamkeit auf die Phänomene am Himmel, ihre alten Mythen sowie ihre potentielle Bedeutsamkeit für unsere Zeit gelenkt haben sollte.

Literatur

Die erwähnten Mythen entstammen den verschiedenen Edda-Ausgaben.

  • Bellinger, Gerhard J. (1989): Knaurs Lexikon der Mythologie : 3100 Stichwörter zu den Mythen aller Völker von den Anfängen bis zur Gegenwart. München: Knaur.
  • Botheroyd, Sylvia & Paul F. (1995): Lexikon der keltischen Mythologie. München: Diederichs.
  • Die Edda : Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen. (51984) Köln: Diederichs. (Übertragen von Felix Grenzmer)
  • Die Edda des Snorri Sturluson. (1997; Ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Arnulf Krause) Stuttgart: Reclam.
  • Frobenius, Leo (1904): Das Zeitalter des Sonnengottes. Berlin: Georg Reimer Verlag.
  • Gebser, Jean (1949): Ursprung und Gegenwart : Erster Band: Die Fundamente der aperspektivischen Welt : Beiträge zu einer Geschichte der Bewusstwerdung. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
  • Grimm, Jacob & Wilhelm (1991): Deutsches Wörterbuch. München: dtv.
    Band 12: L-Myth. Leizig 1885. Band 16: Seeleben-Sprich. Leipzig 1905.
  • Markale, Jean (1990): Die keltische Frau : Mythos, Geschichte, soziale Stellung. München: Goldmann.
  • von See, Klaus; La Farge, Beatrice; Picard, Eve; Priebe, Ilona; Schulz, Katja (1997): Kommentar zu den Liedern der Edda: Bd. 2: Götterlieder (Skírnismál, Hárbarðslióð, Hymiskviða, Lokasenna, Þrymskviða). Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
  • von See, Klaus; La Farge, Beatrice; Picard, Eve; Priebe, Ilona; Schulz, Katja (2000): Kommentar zu den Liedern der Edda: Bd. 3: Götterlieder (Völundarkviða, Alvíssmál, Baldrs draumar, Rígsþula, Hyndlolióð, Grottasöngr). Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
  • Simek, Rudolf (1984): Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart: Körner.
  • Streit, Jakob (1989): Das Märchen und das Kind : Ursprung und erzieherische Bedeutung der Bilder in Märchen und Mythen : Vortrag während der Troubadour Märchentagung auf Burg Stettenfels am 4. Mai 1989. In Troubadour-Märchenzeitschrift. Jg. 1989 Juni Nr. 2, S. 4-17.
  • Göttner-Abendroth, Heide (1993): Die Göttin und ihr Heros. München: Frauenoffensive.

© Christoph Bornewasser 2002
Der Text ist erschienen in:
Beiträge zur Integralen Weltsicht - Vol. XVII 2002 (Herausgegeben von der Jean Gebser Gesellschaft),
Novalis Verlag, S. 5-12

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich der IJGG und besonders Prof. Peter Gottwald und Otto Schärli für die Gelegenheit zu diesem Vortrag danken. Die Jean Gebser Gesellschaft findet sich im Netz mit der Seite integraleweltsicht.de.