CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Stapelfeld 2002 - Der Mondheld auf seinem Weg zur Sonnenbraut

Der Weg ins Licht - Stapelfeld 2002

Dieses Referat wurde im Rahmen des Seminars "Der Weg ins Licht - Adventliche Erfahrungen aus dem Markusevangelium, den Märchen und den Mythen der Völker" aus der Reihe "Kontakt & Studium" im Dezember 2002 im Kardinal-von-Galen-Haus in Stapelfeld gehalten. Eingeladen hatte mich Dr. Heinrich Dickerhoff, der Leiter des Seminars. Die Beschäftigung mit dem Markusevangelium und mit Märchen sollte durch einen Vortag über die altägyptische Bildersprache und meinen Vortrag aus dem Bereich der germanischen Mythologie kontrastiert werden. Aus dem Einladungstext:

Wenn der Dunkel wird, in der Welt oder in uns, dann spüren wir, wie wichtig Licht ist. Nicht im Sommer zünden wir Kerzen an, sondern in langen Winternächten. Nicht wenn unser Lebensweg klar vor uns liegt, brauchen wir Mut und Hoffnung, sondern wenn wir nicht wissen, was auf uns zukommt.

"Abenteuer" kommt von lateinisch "adventus", und das heißt: "was auf uns zukommt". Adventliche Geschichten vom abentuerlichen Lebensweg durch die Dunkelheit zum Licht sollen uns in unseren Adventswoche begleiten ...

Dr. Heinrich Dickerhoff

Der Mondheld auf seinem Weg zur Sonnenbraut

Der Advent und die Geschichten um die Geburt der Sonne

Dieses Seminar steht ja unter dem Motto "Der Weg ins Licht" und in der Adventszeit ist uns ja dieses Bild recht geläufig und eingängig. Zum einen von dem jahreszeitlichen Aspekt her. Von Tag zu Tag werden die Nächte länger bis zum 22. Dann haben wir die Wintersonnenwende. Damit beginnt offiziell laut Kalender der Winter. Von diesem Tag an werden die Nächte wieder kürzer, die Tage länger. Metaphorisch spricht man deshalb immer gerne von der Dunklen Jahreszeit und der Geburt des Lichtes. Die alten Römer feierten am 25. Dezember den Geburtstag von Sol invictus, der unbesiegbaren Sonne. Das war ein spätrömischer Soldatengott. Den Soldaten gefiel natürlich das Bild des Unbesiegbar-Sein. Für die Christen wurde dies zum Geburtstag ihres Herrn und Erlösers, der für sie die unbesiegbare Sonne darstellte und den heidnischen Gott ersetzen sollte. Wir müssen jedoch zugeben, dass es keine einzige Quelle gibt, die den Geburtstag Jesu auf dieses Datum festlegt. In der Bibel findet sich nichts dazu.

Die Botschaft, dass Jesus die unbesiegbare Sonne, das unbesiegbare Licht der Menschheit sei, wurde überall verstanden. Denn die Sonne war – und ist ! – für alle Menschen die Garantin des Lebens. In anderen Breiten zeigt sie zwar zuweilen auch ein hässliches, lebensfeindliches Gesicht – denken wir nur an die Wüstenregionen dieser Erde – aber gerade wir in unserem Teil der Welt wissen jeden Sonnenstrahl zu schätzen.

Und dies war wohl schon immer so: Denken wir nur an das megalithische Steingrab von Newgrange in Irland. Einmal im Jahr – nämlich am Tag der Wintersonnenwende – dringt das Licht der aufgehenden Sonne bis in den hintersten Winkel dieses gut 4500 Jahre alten Bauwerkes und markiert damit den Wendepunkt der Sonnenbahn als ein wesentliches Moment der Spiritualität und Religiosität unserer Ahnen. Wir wissen sonst nicht viel über die Religion der Menschen dieser Zeit, aber das dies für sie ein markantes Datum war ist offenkundig.

Auch im alten Ägypten spielte die Sonne und ihr Gang eine zentrale Rolle für die Religiosität der Menschen – wie Sie ja vielleicht bereits gestern gehört haben. Aber um genau zu sein: Die Ägypter verehrten den Sonnengott Ra und für sie war es gar nicht so sehr der Gang der Sonne durch das Jahr sondern viel mehr ihre tägliche Bahn über den Himmel und in der Nachtbarke durch die Unterwelt zurück zum Aufgangspunkt. Natürlich! Auch für sie spielte das Jahr und die Jahreszeiten eine zentrale Rolle, aber es war eben nicht das Erwachen der Vegetation nach dem Winter, welches ihnen Hoffnung auf Leben brachte sondern das Nilhochwasser, das mit seiner Überschwemmung den Äckern und Gärten Fruchtbarkeit brachte. Deshalb nimmt in der altägyptischen Mythologie nicht der Jahreslauf der Sonne sondern eben der Tageslauf eine so zentrale Bedeutung ein.

In Mesopotamien war es hingegen – aus der lokalen Gegebenheit heraus – wieder das Jahr, welches als Motivreservoir für die Mythen fungierte. Dort hatte die Sonne allerdings eher lebensfeindliche Aspekte, weil sie mit der sommerlichen Dürre und Hitze alles Leben und jede Vegetation zu erdrücken und zu verbrennen drohte.

So hatte und hat jede Weltgegend ihren je eigenen Symbolhorizont und ihre durch Klima, Lebensraum und Lebensweise bedingten eigenen Schatz an Mythen, Märchen und Geschichten. Natürlich sind diese Geschichten gewandert. Natürlich haben sich die neuen Völkerschaften die Geschichten zurecht gestutzt und entsprechend eigener Lebensperspektiven umgedeutet und ergänzt. So wurde die Geburt Jesu für unsere Verhältnisse stimmig ein "Mitten im kalten Winter wohl zu der halben Nacht": Jesu Geburt ist die mittwinterliche Wiedergeburt der Sonne, das Licht, welches in die Welt gekommen ist – im Advent sagen wir lieber: kommen wird.

Dass durch diese christliche Traditionen andere ältere, einheimische Traditionen überlagert und verdrängt wurden, ist – denke ich – jedem von uns bewusst und bekannt. Uns hier in Nord-, West- und Mitteleuropa, die wir uns vor allem von den Kelten, Slawen und/oder Germanen herleiten dürfen, sind nur wenige Zeugnisse dieser älteren Traditionen – zumindest der Erzähltraditionen – überkommen. Ich beschäftige mich nun schon seit vielen Jahren mit diesen Traditionen und ich bin dabei auf einen offenbar älteren, in Vergessenheit geratenen Geschichtentypus gestoßen, der uns erzählt, dass unsere Vorfahren neben dem bereits erwähnten Jahres- und Tageslauf der Sonne ein anderes himmlisches Phänomen als Motivreservoir für ihre Geschichten nutzten, nämlich den Licht- und Gestaltwechsel des Mondes, die Lunation.

Ich möchte Ihnen in diesem Referat diesen Geschichtentypus anhand einiger ausgewählter Beispiele vorstellen. Darüber hinaus möchte ich Ihnen einige Aspekte der – wie es so schön heißt – anthropologischen Dimension dieser Geschichten darlegen, d.h. ich werde versuchen ihnen zu erklären, was diese Geschichten für Menschen heute bedeuten. Im Anschluss daran können wir gerne über all das ins Gespräch kommen. Ich weiß, dass dies eine womöglich eher ungewohnte Sichtweise der Dinge ist, über die sie wahrscheinlich auch noch nie vorher was gehört haben, deswegen bin ich auch Herrn Dickerhoff sehr dankbar, dass er mir hier die Möglichkeit gegeben hat, dieses vorzustellen.

Die Geschichten um den Mondhelden und seine Sonnenbraut

Als erstes müssen wir uns an einen seltsamen Umstand gewöhnen. Zumindest denjenigen unter Ihnen, die sich schon einmal ausgiebiger mit Symbolik beschäftigt haben, wird es komisch erscheinen, wenn ich von dem Mondhelden und seiner Sonnenbraut spreche. Ist der Mond denn nicht weiblich? Und die Sonne nicht männlich? Wenn sie auf die Sprache geachtet haben, dann wird ihnen der seltsame Widersinn nicht entgangen sein: Der Mond ist grammatikalisch männlich und im allgemeinen symbolischen Verständnis aber weiblich. Die Sonne umgekehrt sprachlich weiblich und symbolisch männlich.

Ich kann Sie beruhigen, der Widerspruch lässt sich leicht auflösen: Die zugrundeliegende Symbolik entstammt der mediterranen Sichtweise. Bei den Römern und Griechen war der Mond Luna bzw. Selene und die Sonne Sol bzw. Helios. Bei ihnen stimmt auch die Geschlechtszuweisung in der Grammatik überein, la lune bzw. le solei z.B. im Französischen. Bei den Germanen hingegen war sowohl das grammatikalische Geschlecht wie auch das mythologische Geschlecht von Sonne und Mond, so wie wir es aus unserer heutigen Sprache gewohnt sind: Sol war ein hübsches kleines Mädchen und Mani ihr Bruder. Sie waren keine Götter, wie man gelegentlich fälschlich in Mythologielexika lesen kann, sondern Menschenkinder, die den wahren Gestirnen als Wagenlenkerin bzw. Wagenlenker dienen mussten, weil ihr Vater die Frechheit hatte, sie Sonne und Mond zu nennen.

Wie komme ich auf die Namen "Mondheld" und "Sonnenbraut". Nun das ist eine lange Geschichte. Die Struktur der Erzählungen legt dies zunächst einmal nahe, wie wir gleich noch sehen werden. Dann aber auch: Vor gut hundert Jahren war die Naturmythologie – d.h. der Versuch alle Mythen (und Märchen) aus natürlichen, kosmischen Geschehen her zu leiten – gerade sehr in Mode. Der Hauptdarsteller dieser Sicht war der "Sonnenheld". Dieser Sonnenheld war natürlich ein Mann, der sonnenhaft, strahlend seinen Weg ging, dem sich Widersacher in den Weg stellten, die er natürlich – dank seiner Heldenhaftigkeit – überwandt, und dem holde, mondbleiche oder mondschöne Frauen zu Füßen lagen – etwas überspitzt ausgedrückt. Diese Sichtweise passte den meist männlichen, vom viktorianischen Zeitalter geprägten Wissenschaftlern und Hobbymythologen jener Zeit gut in den Kram, stärkte ihr Selbstbild und ihren eigenen heroischen Anspruch.

Die Geschichten, die ich zu erzählen habe, legen ein anderes Bild nahe: Der Mann erscheint abhängig und schicksalhaft auf eine mächtige Frau bezogen. Dass dies nur auf der oberflächlichsten Ebene dieses Zusammenhanges so ist, werde ich Ihnen noch darstellen. Und doch habe ich die Bezeichnung "Mondheld und Sonnenbraut" gewählt, da sie ausdrucksstark, handhabbar und als Abgrenzung zum "Sonnenhelden" gut geeignet ist.

Aber nun will ich sie nicht länger auf die Folter spannen und stattdessen ihnen einige der Geschichten erzählen. Die erste ist die wunderschöne Liebesgeschichte von Svipdagr und Menglöd. Das ist eine Art Märchen aus der altisländischen Liederedda – was ich auch entsprechend – wenn auch nicht als Gedicht – erzählen möchte.

Die Geschichte von Svipdagr und Menglöd

Es war einmal ein stolzer junger Mann, der hieß Svipdagr. Dem war die Mutter gestorben und sein Vater Solbjart nahm sich eine neue Frau. Diese aber war dem Jungen nicht wohlgesonnen und verfluchte ihn durch Zauberei dazu, dass er keine andere Frau freien dürfe als die Riesin Menglöd, die Halsbandfrohe, die fern im Reich der Riesen im Osten in ihrer hehren Burg saß. Ein jeder wusste, dass dies ein unmögliches Unterfangen war. Svipdagr aber musste sich auf den Weg machen und ging betrübt zum Grab seiner geliebten Mutter Groa und erweckte sie durch Zaubergesänge zum Leben. Als sie von dem schrecklichen Fluch hörte, der auf ihrem Sohn lastete, gab sie ihm neun Segenssprüche und Zauberlieder mit auf den Weg. Denn: aufzuheben vermochte sie den Fluch nicht, doch konnte sie ihrem Sohne den Weg zum Ziel erleichtern. Neun Lieder gab sie ihm und jedes dieser neun Lieder steht für ein Abenteuer, dass er auf seinem langen Weg bestehen musste. Ich will aber nur von dem letzten dieser Abenteuer erzählen. Der Segen der Mutter lautete:

Das sing ich Dir zum neunten,
unternimmst du mit speerstolzen Riesen Redestreit:
Rat und Rede
sei dir reichlich für Herz und Lippen verliehn.

Am Ende seiner Wanderung kam Svipdagr zu einer strahlenden Burg, umgeben von einer Waberlohe aus Feuer. Undurchdringlich und unüberwindlich. Ein Riese stand am Tor und begrüßte den Herankommenden mit üblen Beschimpfungen: "Hebe dich hinfort du Elender. zieh deiner Wege."

Svipdagr aber erwiderte: "Wer bist du Unhold, der du um das feindliche Feuer schweifst?"

"Heb dich hinfort, du Heilloser! Was hast Du hier zu suchen?"

"Wer bist Du Unhold, der du dem Fremdling den Empfang versagst?"

"Ehrende Worte wurden dir immer verweigert, heb dich von hinnen! Fjölswidr heiße ich, karg ist meine Kost, nicht erhältst Du Eintritt, du Wolf!"

"Schön ist dieser goldene Saal, eine Augenweide. Mich dünkt hier fänd' ich Zufriedenheit."

"Wer bist du, Gesell. Wer sind deine Eltern?"

"Windkalt heiße ich, Warkald mein Vater und sein Vater hieß Fjölkald. Aber sag mir Fjölswidr, was ich Dich fragen werde und ich wissen will: Wer wohnt hier und waltet der Herrschaft?"

"Menglöd heißt sie, der gehört das Gut und die Glanzhalle. Sie waltet hier der Herrschaft."

Svipdagr freute sich, nun endlich das Ziel seiner langen Wanderung erreicht zu haben. Doch noch war er nicht ganz angekommen. Die Waberlohe und dieser unfreundliche Riese versperrten ihm den Weg. Doch irgendwie musste es weitergehen, drum fragte er: "Sag mir Fjölswidr, was ich fragen werde und ich wissen will: Was ist dies für ein Schutzwehr, das mir den Zutritt verwehrt."

"Zur Fessel wird es jedem, der sich Zutritt zu verschaffen sucht."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Was sind dies für schreckliche Mauern?"

"Aus den Gebeinen von Urriesen sind sie erbaut. Solange die Welt besteht, werden auch sie bestehen."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Was ist dies für ein Baum, der in dem Hofe steht?"

"Minameid heißt er, nicht fällt ihn Brand noch Beil. Heilkräftig ist er."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Was sind das für Hunde, die hungrig im Gehöft herumlaufen?"

"Wachhunde sind es, lassen niemanden ein. Ewig wechseln sie sich im Schlaf ab."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Gibt es keinen Bissen, der sie besänftigen könnte?"

"Die Flügel des Hahnes, der auf dem Baum sitzt, sind die Bissen, die sie beruhigen würden."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Gibt es eine Waffe, die den Hahn erlegen könnte?"

"Gewiss, die gibt es. Sie verwahrt eine Riesin des Feuers."

"Sag mir Fjölswidr, was ich dich fragen werden und ich wissen will: Wie könnte man die Waffe erhalten von der Riesin?"

"Wenn man ihr die Schwanzfedern des Hahnes bringt, wird sie die Waffe herausgeben."

So war es also bestellt: Kein Mensch vermochte durch sein Tun sich Zutritt zu der Burg zu verschaffen. Als schließlich Svipdagr alles erfragt hatte, was er sah, verzweifelte er und fragte: "Gibt es denn keinen Mann, der sich in Menglöds wonnigen Armen ausruhen darf?"

"Nein," antwortete Fjölswidr, "kein Mann darf sich in Menglöds wonnigen Armen ausruhen, außer Svipdagr, der Held auf den wir warten!"

Svipdagr konnte sein Glück kaum fassen und rief: "Stoß auf das Tor, Fjölswidr! Ich bin Svipdagr."

Fjölswidr eilte, er öffnete das Tor, die Hunde wedelten mit den Schwänzen und Svipdagr ging zur holden Menglöd. Sie sprach: "Wer bist du, Wanderer, und wer ist dein Vater?"

"Svipdagr bin ich, Solbjart heißt mein Vater. Den wildkalten Weg trieb es mich bis zu deiner Burg."

"So sei mir willkommen! Du bist es, auf den ich all die Zeit sehnsüchtig gewartet habe..."

Soweit die erste Geschichte. Zwar bricht hier die Überlieferung ab, aber wir dürfen wohl zurecht davon ausgehen, dass sie jetzt, wo sie endlich einander haben, heiraten und glücklich bis in alle Ewigkeit leben – wenn sie nicht gestorben sind…

Sie werden sich vielleicht fragen: Was hat das mit Sonne und Mond, mit Sonnenbraut und Mondheld zu tun? Kam da irgendwas vor, was ich nicht erzählt oder Sie überhört haben? Nein, erst mal nicht! Sicher habe ich einige Kleinigkeiten weggelassen, aber das wesentliche habe ich erzählt. So einfach ist es leider nicht!

Ich werde Ihnen noch eine Geschichte der altisländischen Tradition erzählen und wir werden dann womöglich besser sehen, worauf ich hinaus will:

Die Geschichte von Freyr und Gerðr

Vor langer, langer Zeit da lebten und herrschten hier die germanischen Götter und einer, der schönsten unter ihnen, war Freyr. Eines Tages aber setzte sich Freyr auf den Sitz Odins, des Königs der Götter. Von seinem Thron aus konnte man alle Welt überschauen. Und Freyr sah in der Ferne, im Osten, im Riesenland ein Mädchen, das war so schön das die Luft von ihr leuchtete und das Meer von ihrem Leuchten erglänzte. Schwermut überfiel den jungen Gott, denn er hatte sich unsterblich in dieses Mädchen verliebt. Sie hieß Gerðr und war die Tochter des Riesen Gymir. Freyr wusste, dass seine Liebe zu ihr aussichtslos war.

Freyrs Eltern machten sich Sorgen um ihren Sohn und schickten Skirnir, seinen alten Jugendfreund und Diener zu ihm. Er solle in Erfahrung bringen, was den schönen Gott bedrücke. Skirnir schritt also in den Saal und fragte Freyr, was ihn bedrücke. Doch dieser sagte: "Ach, was weißt du davon. Jeden Tag leuchtet die Sonne, aber nicht der Liebe mein." "So groß kann die Liebe nicht sein, dass du sie mir nicht künden kannst. Waren wir nicht Jugendfreunde und teilten Glück und Leid miteinander. Kein Geheimnis stand zwischen uns," sagte Skirnir. Da offenbarte sich Freyr seinem Freund und dieser sprach: "Gib mir dein Schwert, was von selbst Kämpft gegen der Riesen Reihen und auch dein Pferd, zu durchreiten, die düstere Waberloh. So will ich für dich freien gehen." "All dies sollst du haben, wenn du für mich freien gehen willst."

So gewappnet machte sich Skirnir noch zur selben Stunde, in der selben Nacht auf den langen, beschwerlichen, mühsamen und gefährlichen Weg ins Land der Riesen. Schließlich erreicht er das Reich der Riesen und gelangt zu Gymirs Hof. Ein Riese wacht dort und begegnet ihm sehr unfreundlich. Aber Skirnir überwindet alle Hindernisse und gelangt schließlich zu der schönen Riesentochter. Sie begrüßt ihn und fragt ihn, wer er sei und woher er stamme. Skirnir aber antwortet ihr darauf nicht und sagt: "Ich bin gekommen, um für Freyr, den herrlichsten unter den Göttern, um die Gunst der Gerðr zu werben. Diese elf goldenen Äpfel nehme als Geschenk."

"Was brauch ich goldene Äpfel als Geschenk? Ich werde Freyr keine Gunst erweisen."

"Nehme diesen goldenen Ring. Wisse, jede neunte Nacht tropfen acht neue Ringe, gleichschwer von ihm ab."

"Was brauch ich Gold? Mein Vater ist reich, an Gold herrscht kein Mangel."

"Frau! Siehst du dieses Schwert? Es wird deinen Vater erschlagen, wenn du nicht einwilligst."

"Sei gewarnt, Fremdling, mein Vater wird dich besiegen!"

"Frau! siehst du dieses Schwert? Dich werde ich töten, wenn Du nicht einwilligst."

"Ich werde mich keiner Gewalt beugen!"

"So sei es! Siehst du diesen Stab. Runen werde ich ritzen. Ich werde dich verdammen zu einem freudlosen Leben. Nicht Brot und Wein sollst du mehr erhalten, nur Stein und Harn. Keinen Tag wirst du mehr glücklich sein. Unter den abscheulichsten Kreaturen sollst du hausen. Willigst Du nun ein, so will ich den Fluch noch abwenden. Weigerst du dich abermals, so werde ich den Fluch vollenden."

"Halt ein, stolzer Mann! Hier reiche ich dir den Met. Trinke und sage Freyr, dass ich ihn in neun Nächten treffen will, im Hain Barri, den wir beide kennen. Nie hätte ich gedacht, dass ich dem Gotte Freyr Gunst schenken würde."

Mit dieser Nachricht ritt Skirnir heim. Freyr erwartete ihn bereits ungeduldig auf der Schwelle. "Sag an, Freund! Noch bevor du aus dem Sattel steigst. Was hast Du erreicht?"

"In neun Nächten schenkt Gerðr dir ihre Gunst in dem Hain Barri, den ihr beide kennt."

"Neun Nächte?! Oh, wie lang und unerträglich ist eine Nacht, wie schrecklich sind zwei. Wie soll ich neun Nächte überleben?"

Natürlich überlebte er sie. Natürlich fanden sie Glück und Wonne bei einander. Das war also die zweite Geschichte.

Sehen Sie ein paar Ähnlichkeiten? Beide Male ist da einer, der eine unerreichbare Frau liebt bzw. im ersten Fall freien muss. Beide Male muss ein langer, beschwerlicher Weg auf sich genommen werden. Einmal geht der Held der Geschichte selbst – gibt sich aber als ein Anderer aus – das andere mal schickt er einen Anderen, einen Diener, seinen Boten. Beide Male sind da diese strahlend schönen Frauen. In der Forschungsliteratur wird bei der Beschreibung dieser Frauen gerne von "Glanzmetaphorik" gesprochen. Diese Frauen sind sonnengleich! Der Inbegriff der Schönheit. Aber umgeben sind sie und ihr Haus von einer Waberlohe, einem brennenden Schutzwall. Bewacht werden sie von Riesen. So einladend und aufreizend die Frauen auch sein mögen, so abweisend sind ihre Schutzwehre. Am Ende gelingt es beiden Helden, den Widerstand, das Widerstreben der Frauen zu überwinden. Das eine mal ist es scheinbar einfach. Svipdagr, braucht sich nur zu erkennen zu geben, als der, der er wirklich ist. Skirnir muss schon eine ganze Menge mehr Überredungskunst aufbieten… Ich will Ihnen noch eine kleine Geschichte erzählen. Ein wirkliches Märchen, welches Sie bei den Brüdern Grimm finden können. Mir liegt weder das Vorlesen noch das Auswendiglernen und deshalb möchte ich eine freie, eigene Nacherzählung wagen. Die Geschichte heißt der treue Johannes:

Die Geschichte vom treuen Johannes

Es war einmal ein König. Der hatte einen treuen Diener, der Johannes hieß und einen Sohn, der aber noch recht jung war. Als der König nun aber im Sterben lag, rief er seinen Diener zu sich und sagte: "Mein lieber, treuer Johannes! Es geht zu Ende mit mir. All die Jahre hast du mir treu gedient. Willst du nun meinem Sohn ebenso treu dienen wie mir?"

"Wenn du es willst, mein König, so will ich es tun."

"Dann gib mir dein Versprechen, dass du nach meinem Tod, meinen Sohn nehmen und behandeln wirst als wäre er dein Sohn. Dass du ihm den ganzen Palast und das ganze Reich zeigen wirst. Dass du ihm in allem unterweisen wirst, was er als König wissen muss."

"Das will ich dir gern versprechen!"

"Versprich mir noch ein Letztes! Dass du ihm niemals das Zimmer mit dem Bildnis der Prinzessin vom goldenen Dache zeigst. Es würde unsägliches Unglück über ihn und dich bringen."

"Auch das will ich dir versprechen!"

Da legte sich der König beruhigt nieder und starb. Der treue Diener aber nahm sich des jungen Königs an, behandelte ihn so, als wenn er sein eigener Sohn wäre und zeigte ihm alles – alles bis auf das Zimmer mit dem Bildnis der Prinzessin vom goldenen Dache. Der junge König wuchs heran. Und als er erwachsen war, fiel ihm doch auf, dass der treue Johannes ihm alles gezeigt hatte, alles, bis auf ein Zimmer im Palast. Er führte den Diener zur Tür und befahl ihm diese zu öffnen. Der Johannes weigerte sich und sagte, er habe dem alten König versprechen müssen, dieses Zimmer dem jungen König nicht zu zeigen, denn er fürchtete, dass dies Unglück über sie bringen würde. "Unglücklich werde ich dann so oder so! Denn ich werde auch unglücklich, wenn ich nicht weiß, was in diesem Zimmer ist."

Als er so gedrängt wurde, gab der treue Johannes schließlich nach. Er öffnete die Tür und wollte schnell hineinhuschen um das Bildnis zu verbergen, aber der junge König hatte es schon gesehen und fiel bewusstlos zu Boden. Da jammerte der treue Diener und brachte den jungen König in sein Gemach. Als er wieder zu sich gekommen war, verlangte er das Bild in sein Zimmer zu bringen und er forschte nach, wer die Frau sei, die auf dem Bild zu sehen sei. Der treue Johannes erzählte ihm, dass es die Prinzessin vom goldenen Dache sei, eine wohlbehütete Königstochter von der anderen Seite des Meeres. Der junge König sagte: "Ich werde men Lebtag unglücklich, wenn ich nicht sie zur Frau bekomme." Da dachte der treue Johannes nach, wie es gelingen könnte, die Hand der Schönen zu gewinnen. Schließlich sagte er: "Lass die Hälfte deines Goldschatzes von den besten Künstlern und Handwerkern deines Reiches in die wundervollsten, herrlichsten, goldenen Dinge verwandeln. Dann rüste ein Schiff, ein Handelsschiff, beladen mit all dem Gold, und wir zwei wollen mitfahren, als Händler verkleidet unser Glück versuchen." So geschah es und bald brachen der junge König und sein Diener als Kaufleute verkleidet auf ihrem Schiff, über und über mit Gold-Sachen und Spielzeugen beladen auf ins Land der Prinzessin vom Goldenen Dache.

Als sie dort anlangten nahm der treue Johannes einige besonders schöne Spielsachen mit sich und befahl dem König, er solle an Bord bleiben, überall sollten goldene Sachen ausgebreitet werden und alles sich zur Abfahrt bereit halten. Der Diener ging zum Königspalast und setzte sich an den Brunnen und spielte mit dem goldenen Sachen. Da kam ein in feinste Gewänder gekleidete junge Frau und wollte Wasser holen. Als sie die Spielsachen sah, freute sie sich und fragte den Händler, ob er noch mehr davon habe. Denn sie sei eine Kammerzofe der Prinzessin vom Goldenen Dache, und diese liebe Gold über alles… "Gewiss", antwortet der Johannes und die junge Frau führte ihn zur Prinzessin. Er breitet die goldenen Sachen vor ihr aus und erzählte, dass dies nur eine kleine Auswahl sei. Auf ihrem Schiff hätten sie noch viel mehr. "Bringe es her! Ich will es alles sehen?" befahl die Prinzessin, doch Johannes lehnte ab. "Es ist ganz und gar unmöglich, alles hierher zu bringen! Es wäre viel einfacher, Eure Majestät würden mit mir auf das Schiff kommen." So angetan von den schönen Sachen, wie sie war, folgte die Prinzessin dem treuen Johannes an Bord des Schiffes. An Bord übernahm der junge König die Führung. Die Prinzessin gefiel ihm ausgesprochen gut und er war sehr froh. Als sie unter Deck waren und dort sich alles anschauten, ließ der treue Johannes unbemerkt ablegen und es dauerte eine lange Zeit, bis die Prinzessin die Entführung entdeckte! Da aber begann sie zu jammern und zu wehklagen, der junge König aber entdeckte ihr, dass er kein Händler sondern ein reicher König sei, und dass er sie nur wegen seiner Liebe so hintergangen habe... Da gab sie sich zufrieden und freundete sich bald mit dem jungen König an. Wenn sie nachhause kämen, wollten sie Hochzeitfeiern...

Den zweiten Teil des Märchens lasse ich jetzt einfach weg, da er in unserem Zusammenhang zunächst eher störend ist. Dringt man tiefer in die Materie ein, dann gewinnt auch der zweite Teil eine besondere Bedeutung… Die drei Geschichten im Vergleich

Nun haben wir also drei Geschichten gehört. Zunächst einmal fällt auf, dass in allen Geschichten – zumindest am Anfang – Ähnliches geschieht: Ein Mann verliebt sich in eine ferne, unerreichbare Frau. Sie ist über alle Maße schön, sonnenhaft, golden. Er liebt sie oder muss sie lieben aber kann nicht zu ihr gelangen, zumindest nicht aus eigener Kraft. Er bedarf eines Anderen, er muss sich in jemand anderen verwandeln, um zu ihr zu kommen. Damit gelingt es ihm aber schließlich.

Woher stammt dieses Muster? Ich entdeckte vor einigen Jahren, dass dieses Muster verblüffende Parallelen zu der Lunation, dem Lichtwechsel des Mondes hat. Ich möchte Sie deshalb auf eine kleine kosmische Reise mitnehmen.

Der Mond und seine Erscheinungen

Wir alle kennen natürlich den Mond und seine wandelnden Erscheinungen. Wir haben sie alle schon einmal gesehen. Sicher wissen auch die meisten, dass ein Mondzyklus etwa vier Wochen dauert. Aber wahrscheinlich wissen die wenigsten hier im Raum ad hoc, wann man denn die erste Sichel des neuen Mondes am Himmel entdeckt oder wann der Halbmond aufgeht. Heutzutage sind wir nicht mehr drauf angewiesen, den Mond als Kalenderanzeiger zu nutzen und wir haben uns über die Jahrhunderte Stück um Stück von der Natur und ihren Erscheinungen entfremdet. Selbst die Mondkalender, die seit einigen Jahren sich großer Beliebtheit erfreuen und uns den richtigen Zeitpunkt für jede Handlung angeben wollen, haben ja nicht allzu viel mit Naturbeobachtung zu tun. Aber das ist ja nicht mein Thema. Um ihnen die Analogie der Geschichten mit dem Himmelsphänomenen darzustellen muss ich Ihnen entsprechend noch ein Bisschen über den Mond erzählen.

Die Sonne und ihre Wege

Zunächst einmal: Ich gehe davon aus, dass die Beobachtungen die Pate standen für die Geschichten zu eines sehr frühen Zeit stattfanden. Sonne und Mond waren schon immer die hervorstechendsten Himmelserscheinungen und wurden womöglich schon sehr früh von den Menschen beobachtet. Dabei konnten sie ohne jegliche Hilfsmittel drei verschiedene Zyklen ausmachen, die für ihr Leben von entscheidender Bedeutung waren: Der Tagesgang der Sonne brachte ihnen Licht und Wärme. Der Jahresgang der Sonne brachte ihnen die Jahreszeiten und damit Früchte und Erträge. Die Sonne war also gleich in zweifacher Hinsicht, das was den Menschen das Leben ermöglichte: Einmal schaffte sie die Möglichkeit des ganz alltäglichen Lebens, dann schaffte sie über die Wirkung auf die Vegetation die Nahrungsgrundlage für das Leben schlechthin. Der Mond, seine Wege und seine Wandlungen

Der Mond mit seinen Veränderungen hatte nicht unbedingt einen direkt spürbaren Einfluss auf das Leben, begleitete sie aber stetig und – und das war bald seine wichtigste Funktion – er konnte ihnen als Zeitmesser dienen. Denn die 365 Tage des Jahres waren sehr schwer zu überschauen. Und spätestens die ersten Ackerbauern mussten dies können! Betrachtete man statt dessen aber die 12-13 Zyklen des Mondes in einem Jahr, so konnte dies doch recht einfach übersehen werden, der Zeitpunkt für Saat und Ernte hinreichend genau festgelegt werden. So erwarb sich der Mond bald einen ganz besonderen Ruf: Er war Zeitmesser und damit auch Begleiter der Menschen. Etymologisch vermuten einige Wissenschaftler sogar einen Zusammenhang zwischen den Worten

Mond und Mensch.

Dass die Veränderungen der Lichtgestalt des Mondes irgendwie mit der Stellung, die er am Himmel zur Sonne hat, zusammenhängt, ist selbst von einem sehr naiven Standpunkt aus wahrzunehmen. Drei Tage ist der Mond nicht zu sehen. Das erste Mal, das wir ihn wieder wahrnehmen, ist dann abends im Westen, wo die hauchdünne Sichel kurz nach der Sonne untergeht. Jeden Tag – wenn wir immer zu Sonnenuntergang den Mond suchen – steht er nun ein Stück weiter östlich, ein Stück weiter weg von der Sonne und wird immer größer. Irgendwann ist er voll und geht etwa zu dem Zeitpunkt, da die Sonne im Westen untergeht, erst im Osten auf. Dann werden wir ihn nicht mehr abends gewahren. Betrachten wir hingegen den Himmel bei Sonnenaufgang, dann entdecken wir, dass der Mond weiterhin Tag für Tag weiter nach Osten wandert. In der Vollmondnacht wandert er ja über den Himmel und geht genau in dem Moment unter, wo im Osten die Sonne aufgeht. Bald können wir feststellen, dass der Mond wieder abnimmt und jeden Morgen ein Stück weiter im Osten, d.h. näher bei der Sonne steht. Schließlich sehen wir eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang die Hauchfeine Sichel des alten Mondes im Osten aufgehen. Die Sonne mit ihrem Leuchten und der blaue Himmel des Tages überdecken die Sichel bald, machen sie unsichtbar – für drei Tage.

Die frühe Gesellschaft und ihre Geschichten

Für unsere Ahnen war klar: Bei der Sonne ist der Mond unsichtbar. Von ihr entfernt kann er Größe, Gestalt und Licht gewinnen. Dazu muss also der Mond von der Sonne weggehen. So wie ein junger Krieger nur in der Fremde sich bewähren kann, so zieht auch der Mond von der Sonne fort. Und so wie der junge Krieger in der Fremde auch immer im Elend ist und sich zurück sehnt nach dem heimatlichen Feuer, der Mutter, der Familie, der Geliebten, so zieht es auch den vollen Mond wieder nachhause zur Sonne, selbst wenn er dadurch an Größe, Kontur und Licht verliert. Ja auch der Krieger verliert an Heldentum, wenn er heimkehrt. Gewiss, er mag gefeiert werden für seine großen Taten, doch er muss sich bald schon wieder den Gepflogenheiten der Sippe und des Alltags unterwerfen.

So – glaube ich – entstanden die Geschichten des Mondhelden und seiner Sonnenbraut. Was ich hier noch nicht erwähnt habe ist, das in anderen Geschichten eben auch die anderen Ausschnitte des Mondweges dargestellt werden. Der Jüngling, der die Gemeinschaft verlässt, und sich in der Fremde, im Kampf gegen einen Nebenbuhler – womöglich seinen eigenen Bruder oder einen Jugendfreund – durchsetzen muss. Dann die Höhe der Macht, die größten Heldentaten. Freyr sitzt auf dem Thron des höchsten Gottes, der junge König kennt alles und jeden in seinem Reich. Auf dieser Höhe kommt von Ferne her das Bild einer über alle Maße Schönen, einer sonnengleichen Frau, die er lieben muss, ob er will oder nicht. Er weiß aber, dass er – als der große Herr, der er ist – nicht zu ihr gelangen kann. Ein Anderer geht für ihn, er geht als ein Anderer, unterwirft sich dabei ganz und gar den Gepflogenheiten des Hauses der Braut, um schließlich sich mit ihr zu vereinen.

Ich habe mittlerweile eine ganze Anzahl von Geschichten in der germanischen Mythologie und in den Märchen zusammengetragen, die auch andere Ausschnitte aus dem Kreislauf des Lichtwechsels aufgreifen und inszenieren. Ein Beispiel hier soll die Kesselraub-Geschichte sein: Jemand verstellt oder versteckt sich, um Zugang zum Haus und die Gunst der Hausherrin zu erhalten. Dann stiehlt er einen lebensspendenden Kessel oder einen anderen Schatz. Er flieht und muss sich auf der Flucht der Verfolger erwehren. Womöglich erinnert Sie dies an "Jack und die Bohnenstange". In der germanischen Mythologie findet sich die Erzählung gleich mehrfach. Es würde aber nun den Rahmen sprengen, wenn ich hier auf alle Varianten und Momente der Geschichten eingehen würde. Deshalb greife ich einen Aspekt heraus: Den Weg des Mondes zur Sonne, den Weg des Liebenden zu seiner Geliebten, den Weg des einsamen Helden in die Gemeinschaft.

Der Mond und die Nacht des Individuums

Betrachtet man den Himmel so ist der Umschlagpunkt der "Entwicklung" des Mondes der Sonnenaufgang nach der Vollmondnacht. Bis dahin ist der Mond gewachsen und voller und strahlender geworden. Er hat sich seinen Platz in der Nacht gesichert: Nicht nur, dass er größer und voller geworden ist. Er hat sich auch von der Sonne immer mehr entfernt, befindet sich nun am entgegengesetzten Ende des Himmels. Dort ist er unumschränkter Nachtherrscher, geht abends zu Sonnenuntergang auf und morgens zu Sonnenaufgang unter. Und wenn sie sich einmal eine schöne, laue Vollmondnacht vorstellen, dann ist das schon recht beeindruckend, Nachtherrscher zu sein.

In den Geschichten ist aber nie vom Mond die Rede! Dort sind es Menschen, die sich wunderbar in ihrem Leben eingerichtet haben. Die zu Macht und Größe gelangt sind. Ein König, ein Gott gar, ein Kriegsheld. Machtvoll und herrschaftlich! Das, was sich viele Menschen erträumen, wenn auch das Leben einen realistischer macht und läutert. Zumindest die Kinder träumen davon! "Wenn ich erst mal groß bin…" Und wir Erwachsene sind es, die diesen Traum einpflanzen in sie und beständig in ihnen nähren. "Wenn Du erst mal groß bist…"

Dieser Mensch nun hat es geschafft! Aber halt! Was sehen wir, wenn wir genau hinschauen? Der Mond ist der Nachtherrscher, gewiss! Aber er ist des nachts allein. Es gibt niemand, der ihm das Wasser reichen kann und niemand, der ihm Gesellschaft leistet. Gewiss, da sind die vielen Sterne. Aber entsteht wirklich ein Bezug zwischen ihnen und dem Mond? Besteht wirklich ein Bezug unter ihnen? Oder sind sie nicht bloß ein zusammengewürfelter Haufen von Lichtlein.

"Oh, it's lonely at the top" singt der amerikanische Liedermacher Randy Newman: Es ist so einsam, wenn man erst mal alles erreicht hat, was man erreichen wollte, der Beste, der Größte ist. Man ist vielleicht reich und kann sich alles, was für Geld zu haben ist, leisten. Doch es gibt einfach auch Dinge, die nicht für Geld zu haben sind, die sich nicht auf Weisung eines Mächtigen einstellen. Und wir alle tragen auch immer eine Sehnsucht nach solchen Dingen in uns. Der Mond erblickt bei seinem Untergang den strahlenden Aufgang der Sonne.

Die Sonne und der Tag der Gemeinschaft

Die Sonne ist ganz anders als der Mond! Nicht nur dass sie keine grauen Flecken im Gesicht hat. Sie wärmt uns und erhellt uns den Tag. In gewisser Weise ist sie noch viel einsamer als der Mond! Sie ist scheinbar wirklich allein am Taghimmel! Da gibt es gar nicht einmal mehr die Sterne. Halt! Die gibt es wohl! Man sieht sie aber nicht. Die Sonne ist so hell und strahlend, dass sie den ganzen Himmel erleuchtet. All die Sterne leuchten auch am Tage aber gegen das Blau des Himmels können sie sich nicht durchsetzen. Sie müssen sich der Sonne ergeben.

Stellen Sie sich doch mal einen strahlenden, wolkenlosen Tageshimmel mit Sonne vor. Gewiss – wenn wir besonders einsam wären, würden wir auch die Einsamkeit der Sonne spüren, doch meistens werden wir an einem solchen Tag, unter einem solchen Himmel uns nicht einsam fühlen. Da gibt es Menschen um uns herum, die ihrem Tagwerk nachgehen und an deren Tagwerk wir uns in der ein oder anderen Weise beteiligen können. Die Sonne und der Tag stehen für die Gemeinschaft – in unserer Erfahrung und in den Geschichten, die ich behandele. Früher war die Gemeinschaft nicht eine abstrakte Gemeinschaft mit irgendwelchen Menschen sondern eine ganz konkrete Hausgemeinschaft, mit der man seine Tage verbrachte. In den Geschichten ist dies symbolisiert durch die Frau, die Geliebte, ihr Haus oder ihren Haushalt. In den germanischen Mythen und dem Märchen war von der sonnengleichen Frau bzw. Prinzessin in ihrem Haus mit ihren Dienerinnen die Rede. In anderen Geschichten ist es eine Frau oder eine Familie an einem Herdfeuer versammelt.

Der beschwerliche Weg des Mondes zur Sonne

Dort also der mächtige aber einsame Mondheld, hier die Verheißung einer Gemeinschaft mit der Sonnenbraut und ihrem Haus. Wie soll der Mondheld zu ihr gelangen?

Nun zunächst scheint es ganz einfach zu sein, dies zu lösen: Der Mond muss sich ja einfach auf den Weg machen zur Sonne. Einfach? Die Mythen erzählen an dieser Stelle immer von dunklen, feuchten Wegen, selbst der treue Johannes und sein junger König muss übers Meer fahren. Das sind nicht Mal-eben-irgendwohin-gehen-Wege. Das sind gefährliche, anstrengende und widerständige Wege!

Ich wohne in einem kleinen Dorf hier in der Nähe. Früher – d.h. noch vor 200 Jahren – war an der Stelle, wo heute eine Straße lang geht, wo heute Häuser stehen, ein undurchdringliches Moorgebiet. Kein Durchkommen. Der Damm war noch nicht gebaut, der Kanal war gerade mal angedacht, der Torf noch nicht abgebaut. Nur im Winter, wenn's gefroren hatte, oder wenn's im Sommer länger nicht geregnet hatte, konnte man zu Fuß daher gehen, wenn man aufpasste und den Weg gut kannte. Früher als die Märchen und Mythen erzählt wurden, war der dunkle und feuchte Weg keine Metapher, sondern bittere Realität! Daher stammt das Symbol, das Bild… Aber welche Bedeutung hat das für uns heute.

Heute? Ist es einfach für den erfolgreichen Menschen von heute eine Familie zu gründen? Heißt nicht Gemeinschaft mit Anderen finden auch immer Aufgeben von Allüren und Machtphantasien? Als ich mit meiner Frau eine Familie gründete, hieß das, dass einer den Beruf aufgeben musste und damit die Erwerbstätigkeit, das Einkommen, an dem heute die Machbarkeit von allem, die Macht von heute hängt. Ich glaube jeder könnte eigene Erfahrungen beisteuern: Gemeinsamkeit gewinnen heißt immer auch in einem bestimmten Maße Eigenständigkeit verlieren.

Auch das lehrt uns ein Blick an den Himmel. Der strahlende Mond kann sich der Sonne nur annähern, indem er einen Teil seines Glanzes aufgibt. Indem er sich entrundet. Indem er weniger wird. Auch der Mond muss seine Macht, sein Licht und seine Rundheit aufgeben.

Und mehr und mehr tritt uns seine Schattenseite entgegen: der dunkle Bruder des Mondes. In den Geschichten finde wir dies auch: Svipdagr aus der ersten Geschichte verstellt sich und gibt sich als ein Anderer aus. Freyr, der Gott aus der zweiten Geschichte, schickt seine Freund als Boten. Der treue Johannes ist einerseits Diener und Gehilfe für den König, zum anderen geben sie sich beide als Händler aus. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass man kurz vor und kurz nach Neumond die dunkle Seite des Mondes sieht? Man sieht die Schattenseite in einem fahlen Licht. Astronomisch gibt es dafür eine einfache Erklärung: Auf der Nachtseite des Mondes ist gerade "Vollerde"! Das Sonnenlicht, welches von der Tagseite der Erde reflektiert wird, beleuchtet die Schattenseite des Mondes.

Das also ist die Geschichte vom Mondheld: Der strahlende, leuchtende Mond kann nicht zur Sonne gelangen. Ein anderer, ein dunkler, unscheinbarer Doppelgänger erreicht schließlich die Sonnenbraut und findet bei ihr die Erfüllung der Sehnsucht. Kein Mensch kann wirklich in eine Gemeinschaft gelangen ohne seine Egoismen aufzugeben. Wir alle müssen immer etwas aufgeben um Gemeinschaft zu gewinnen.

Aber noch was: Kein Mensch wird je zufrieden sein! Nicht mit der Geborgenheit der Gemeinschaft, denn es wird ihn wieder hinaus in die Welt ziehen. Er wird sich wieder profilieren und selbst verwirklichen müssen. Und hat er dies erreicht, ist er wer, wird es ihn zurück ziehen in den Schoß der Gemeinschaft. So wie der Mond auch an keinem Ort verweilen kann.

Was hat der Mondheld mit dem Advent zu tun?

Nun komme ich wieder zum Anfang des Referats zurück. Dort habe ich Ihnen was von der Sonne, ihren verschiedenen Wegen und dem Advent mit seiner Symbolik – dem Warten auf die Geburt oder die Wiederkehr des Lichtes – erzählt. Nun habe ich Ihnen ausführlich etwas über den Mondhelden und seinen Weg zur Sonne berichtet.

Der Weg durchs Dunkel zum Licht! In der Dunkelheit dieser Jahreszeit sehnen wir uns nach dem Licht der Sonne, der Helligkeit des Sommers. Dies ist die gleiche Sehnsucht, die auch der Mondheld kennt! Aber der Mondheld lehrt uns noch einiges mehr, etwas anderes: Nicht nur Sehnsucht nach dem Anderen, nach Gemeinschaft, nach Erlösung aus Einsamkeit – auch Sehnsucht nach sich Selbst! Nach Eigenständigkeit und Selbstverwirklichung. In der jüdischen Kabbala – einer Weisheitslehre, die sich sehr stark mit Buchstaben- und Zahlensymbolik auseinander setzt und auf diesem Wege versucht die Bibel besser zu verstehen – gibt es ein schönes Bild: Jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets hat einen bestimmten Zahlenwert. Die Worte Schlange (Verführung im Paradies) und Messias (Erlösung) haben exakt den selben Wert, verweisen aufeinander! Sündenfall und Erlösung sind zwei aufeinander bezogene Bewegungen. Aus-der-Gnade-fallen und Erlösung-finden sind Kehrseiten von einander, bedürfen sich gegenseitig. Und Mensch-Sein lässt sich nur in diesem Spannungsfeld verorten – glaube ich.

Die Geschichten vom Mondhelden zeigen uns Bewegungen und Verortungen in diesem Feld, zwischen Gemeinschaft und Individualität. Sie zeigen uns dies in all seiner Paradoxie. Denn ist es nicht paradox, dass wir um so deutlicher selbst leuchten können in der Dunkelheit? Müssen wir nicht aufhorchen, wenn uns diese Geschichten erzählen, dass Heldentum immer des Elends und der Not bedarf. Und dass Gemeinschaft-finden immer auch Aufgeben von Heldentum bedeutet. Greift es uns nicht an, dass diejenigen in unsere Gesellschaft, die eine bedeutende Rolle n der Öffentlichkeit spielen, nicht gerade die Familienmenschen sind. Dass bis heute trotz aller Programme und Bekundungen Es-zu-etwas-Bringen immer bedeutet, seine Familie im Stich zu lassen? Karriere oder Familie! Jede Entscheidung für eine der beiden Seiten ist immer "unglücklich", sie verwehrt uns das Andere in uns. Und doch haben wir alle auch immer das jeweilige Andere in uns, sei es als Sehnsucht, sei es als Trieb…

Der Mondheld lehrt mich, dass die beiden Seiten zu mir gehören und dass jede Einseitigkeit auf Dauer schädlich für mein Wohlergehen ist. Der Weg durchs Dunkel ins Licht… D.h. der Weg des Mondhelden durch die Nacht zu seiner Braut Sonne in den Tag… Es ist ein paradoxer Lebensweg und doch scheint gerade dies im Mensch-Sein verwurzelt zu sein! Dunkel werden, um im Licht sein zu können. Ins Dunkel gehen, damit man selbst leuchten kann. Vielleicht können uns diese Paradoxien helfen, uns und unsere eigene Widersprüche, unsere Kehrtwendungen und Verirrungen im Leben besser zu begreifen…

© Christoph Bornewasser 2002

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich Dr. Heinrich Dickerhoff für seine Einladung danken.
Die katholische Akademie und Heimvolkshochschule Kardinal von Galen Haus in Stapelfeld (bei Cloppenburg) findet sich im Netz mit der Seite www.ka-stapelfeld.de.