CHRISTOPHBORNEWASSER

Diplom-Psychologe - Fotografie - Erwachsenenbildung - Märchenerzähler

Stapelfeld 2005 - Der Mondheld und das Sonnenmädchen

... und ging zu den Sternen

Dieser Vortrag wurde im Rahmen der "märchenhaften Tage zum Jahresbeginn" im Januar 2005 im Kardinal-von-Galen-Haus in Stapelfeld gehalten. Eingeladen hatten mich Dr. Heinrich Dickerhoff, Dr. Angelika-Benedicta Hirsch, Linde Knoch und Sabine Lutkat. Aus dem Einladungstext:

... und ging zu den Sternen
von Himmelslichtern und dem,
was die Märchen der Erdenkinder
von ihnen erzählen

Märchenhafte Tage zum Jahresbeginn vom 3.-6. Januar 2005

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde.

Seit Urzeiten haben Menschen von der heimatlichen dunklen Erde aufgeschaut zum Himmel und seinen Lichtern, zu Sonne, Mond und Sternen. Und sie haben den Lauf der Himmelslichter beobachtet und bedacht, nicht nur, um sich hier auf der Erde zu orientieren oder um den Wechsel der Zeiten einzuordnen. Nein, sie wollten dem Lauf der Sterne auch die großen Weltgesetze ablesen, das Schicksal der Erde und der Menschen. Und immer wieder haben sie von Menschen erzählt, die eine besondere Verbindung zum Licht der Welt haben, die unter einem besonderen Stern geboren sind, Sohne der Sonne, Töchter des Mondes, Kinder, die mit einem Stern auf ihrer Stirn geboren werden oder - strahlend wie die Sonne - zurückkehren von einer langen Lebens-Reise, die sie bis ans Ende der Welt und bis in den Himmel geführt hat.In unseren traditionellen märchenhaften Tagen am Jahresanfang möchten wir diesen uralten Sinn-Bildern und Sinnerfahrungen nachspüren. Zum bewährten Team gehören wie in den Vorjahren neben mir Linde Knoch aus Westerland und Dr. Angelika-Benedicta Hirsch und Sabine Lutkat aus Berlin; zusätzlich gibt es Impulse von Bernward Große von den Sternenfreunden Oldenburg und von Christoph Bornewasser, Psychologe aus Friesoythe. Nach gutem altem Brauch werden Musik und Tanz, Erzählen und gemeinsames Essen unser Nachdenken ergänzen und anregen.Ich würde mich freuen, wenn wir das Jahr so gemeinsam beginnenIhr

Dr. Heinrich Dickerhoff

Der Mondheld und das Sonnenmädchen

ein etwas anderer Blick auf die mythischen Bilder

Sonnenheld und Mondheld - über die verschiedenen Zyklen und ihre Ausgestaltung in Mythen und Märchen

Heute will ich Ihnen etwas über den Mondhelden erzählen. Nun werden die wenigsten von ihnen wissen, was der Mondheld ist. In der Einladung hieß es ja schon: Es ist ein "ein etwas anderer Blick auf die mythischen Bilder".

Gestern hatten wir ja den Sonnen-Tag, wenn's auch schon Dienstag war! Wir haben einiges über die Sonne, die goldene Sonne, in Mythen und Märchen, Sagen und Legenden gehört. Über Sonnengötter und Sonnenkulte. Über das Sinnbild Sonne im christlichen Glauben. Über indianische Märchen und Mythen über unser Tagegestirn.

Heute nun ist unser Mond-Tag! Es ging um den Mond, den silbernen Mond. Den hehren Nachtherrscher. Es ging um Unheimliches und Wechselhaftes. Um Mondkälber, Mondkühe und Mondgottheiten. Es wurde von der kultischen Verehrung und vom Aberglauben berichtet. Es wurden astronomische Fakten und astrologische Spekulationen erwähnt.

Was kommt nun?

Jetzt wird es um beide gehen: Um Sonne und Mond! Ihr Wechselspiel und ihren großen gemeinsamen Zyklus. Es geht um den Licht- und Gestaltwechsel des Mondes.

Der Name "Mondheld" stammt von mir! Ich habe ihn in Anlehnung an und Abgrenzung von dem Sonnenheld so genannt. Um den Mondheld besser zu verstehen möchte ich Ihnen erst ein Bisschen über den Sonnenhelden erzählen.

Tageszyklus - Der Kampf zwischen Licht und Schatten - der eigentliche Sonnenheld

Vor gut 100 bis 150 Jahren war Naturmythologie ganz modern. Man glaubte damals meist - grob vereinfacht - dass die Menschen, bevor es Wissenschaft gab, ihre Erkenntnisse und Vermutungen bezüglich der Natur, bezüglich Sonne, Mond und Sternen in Mythen erzählten. Mythen wurden als eine primitive Form der Wissenschaft angesehen. Und da die meisten "Hochgötter" entweder Himmels-, Donner- bzw. Gewitter- oder aber Sonnengottheiten waren, wurde diesen Gestalten - vornehmlich natürlich männlich!! - eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Vor fast genau 100 Jahren - 1904 - veröffentlichte Leo Frobenius - einer der Väter der modernen, systematischen Völkerkunde - sein Buch "Das Zeitalter des Sonnengottes". Er hatte auf einer sehr breiten Basis geforscht. Mythen und Märchen aus aller Welt zusammengetragen und konnte nachweisen, dass viele der "hohen", d.h. weit entwickelten Mythologien sich offenbar auf den Tageszyklus der Sonne zurückführen lassen. Wenn auch die Bedeutung dieser Entdeckung allgemein in Frage gestellt wurde und wird, ist die Entdeckung selbst meines Wissens bis heute unwidersprochen geblieben.

Nun den Tageslauf der Sonne kennen wir alle:

Im Osten geht die Sonne auf,
im Süden hält sie ihren Mittagslauf,
im Westen will sie untergehen,
im Norden ist sie nie zu sehen.

Wahrscheinlich kennen sie dieses Gedicht auch. Mein Vater hat mir so die Himmelsrichtungen von den Auf- und Untergangspunkten der Sonne beigebracht. Was über dem Horizont stattfindet ist ja offensichtlich:

Morgens wird die Sonne geboren. Sie wächst heran und wird machtvoll. Bis sie ihre Mittagshöhe erreicht hat. Dann aber lässt ihre Kraft nach und sie neigt sich dem Untergang zu. Am Abend schließlich verschwindet sie.

Doch dies ist der eigentliche Ausgangspunkt der Phantasie unserer Ahnen - so glaubte zumindest Frobenius: Was denn passiert mit der Sonne, wenn sie untergeht? Ist das Abendrot denn nicht ein untrüglich Zeichen, dass dort ein Kampf, ein Opfer oder ein Verschlingen geschieht? Und wie bitte gelangt die Sonne von ihrem Untergangspunkt im Westen zu ihrem Aufgangspunkt im Osten? Geht sie in das Reich der Toten, in die Unterwelt, und bringt ihr Licht dorthin? Durchquert sie im Bauch eines großen Fisches oder Ungeheures den nächtlichen, unterweltlichen Ozean?

Man nennt dies die "Nachtmeerfahrt". Eigentlich aus der Völkerkunde kommend, wurde sie von der Psychologie - vor allem von der jungianischen Psychologie - dankbar aufgegriffen und taucht in vielen Märcheninterpretationen bis heute auf.

Am Morgen dann geht die Sonne wieder auf! Ihre Morgenröte, die gerade vor gut hundert Jahren sehr ausgeprägt war, war das untrügliche Zeichen, dass die Sonne das Ungeheuer, welches sie abends verschlungen hat, endlich doch überwindet.

Sie kennen vielleicht das Bild des ägyptischen Sonnengottes Ra auf seiner Barke. Am Bug steht ein anderer Gott mit einer Lanze und tötet das Untier, welches unter der Barke liegt, die Nacht. Auf das es wieder Tag wird…

Wenn wir genau hinschauen: Es ist ein Kampf um Leben und Tod, von Gut und Böse, von Tag und Nacht, von Licht und Dunkel. Es geht um Gegensätze, um Für und Wider, um Hin und Her.

Der Sonnenheld ist im Grunde ein einsamer Held. Da gibt es Helfer und Widersacher, gewiss! Aber im Grunde muss der einsame Held seinen Weg durch alle Widrigkeiten alleine gehen. Es gibt kaum Begleiter und außer das vorübergehende Überwinden des Ungeheuers gibt es kein Ziel.

Soweit zum Sonnenhelden - oder besser gesagt zum eigentlichen Sonnenhelden.

Jahreszyklus - Das Werden und Vergehen der Vegetation - der andere Sonnenheld

Denn daneben gibt es noch einen Helden, der häufig mit dem Sonnenhelden vermengt wird, der aber nicht ganz so einsam ist. Seine Mythologie orientiert sich am Jahreslauf der Sonne.

Am bekanntesten sind die Geschichten aus dem vorderen Orient, aus Mesopotamien, Kleinasien und dem Libanon. Doch noch bekannter ist eine etwas untypische Variante der Griechen, die Geschichte um Kore, die Tochter der Demeter, der Mutter Erde. Sie kennen sie vielleicht:

Kore pflückt Blumen und wird dabei von Hades dem Gott der Unterwelt entführt. Demeter, ihre Mutter, sucht vergeblich nach ihrer Tochter und keiner kann ihr sagen, wo sie geblieben ist. Aus Kummer und Gram lässt Demeter die ganze Welt veröden. Schließlich wird ein Handel gemacht: Die Tochter darf eine Zeit auf die Erde, zu ihrer Mutter, die andere aber muss sie in die Unterwelt zu Hades, ihrem Gatten. In der ersten Zeit gedeiht die Vegetation. In der anderen verödet sie.

Wir denken dabei an Frühling / Sommer bzw. Herbst / Winter. Doch in mediterranen Ländern und im vorderen Orient ist es etwas anders: Die sommerliche Sonne lässt die Vegetation veröden. Die Feuchtigkeit und Kühle des Winters bringt sie wieder zurück.

Im vorderen Orient geht die Geschichte in vielfachen Variationen etwas anders:

Es ist nämlich ein männlicher Vegetationsheld - eigentlich ein Antiheld! - der irgendwie stirbt oder sich im Wahnsinn selber tötet oder zumindest entmannt. Die Göttin der Liebe zieht suchend nach ihm durch die Welt und bemüht sich ihn aus der Unterwelt wieder ins Leben zu holen. Am Ende steht derselbe Handel.

Die Göttin der Liebe, das ist Inanna, Ischtar, Astarte oder auch Aphrodite, ist im allgemeinen die Venusgottheit - deswegen ist es auch eher ein Venusheld. Die Venus ist unter allen kleinen Lichtern des Himmels sicher das auffälligste: Als Morgen- oder Abendstern.

Häufig tauchen in diesem Zusammenhang auch Sterne oder Sternbilder auf. Der Auf- oder Untergang verschiedener Sterne bzw. Sternbilder wurde als jahreszeitliche Marke am Himmel betrachtet. In Ägypten war es Sirius, welcher die Nilflut ankündigte. Andernorts die Plejaden, das Siebengestirn.

Licht- und Gestaltwechsel des Mondes - Bloß eine Zählvorlage für den Kalender?

Nun kommen wir zum dritten großen Himmelszyklus: Dem Mondzyklus.

Genau genommen gibt es auch davon zwei: Den siderischen und den synodischen Zyklus. Ersterer ist die Zeit, die der Mond braucht, um von der Erde aus gesehen, wieder vor demselben Himmelshintergrund zu stehen. Dies sind etwa 27 1/3 Tage und sie finden dies in den in den letzen Jahren immer weitere Verbreitung findenden Mondkalendern: In welchem Sternzeichen steht der Mond?

Der zweite Zyklus ist etwas länger: Er beträgt etwa 29 1/2 Tage und wir nennen dies die Mondphasen - sprich Neumond, zunehmender Mond, Halbmond, Vollmond, abnehmender Mond usw.

Das häufigste Bild für den Mond ist - neben dem "Mondgesicht" - die Sichel! Also eine bestimmte Phase aus dem Zyklus. Auch haben die Phasen in den Sagen und im Aberglauben z.B. um Hexen eine große Bedeutung. Deshalb verwundert es um so mehr, dass Mythen und Märchen um die Mondphasen doch denkbar selten sind - im Vergleich zu Erzählungen über die markanten Flecken in seinem Gesicht.

Gewiss da gibt es die possierliche Geschichte vom Kleid für den Mond, die schon die alten Griechen und Römer sich erzählten und die auch als Schwank den Brüdern Grimm zu Ohren kam. Sie findet sich in den Anmerkungen zur ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen.

Der Mond kommt zu seiner Mutter und erbittet sich ein warmes Kleid, weil die Nächte so kalt seien. Die Mutter nimmt Maß und der Mond macht sich wieder auf den Weg. Das nächste Mal, dass er reinschaut, hat er aber so zugenommen, dass das Kleid nicht mehr passte und die Mutter die nähte auftrennen und erneut Maß nehmen musste. Dann wieder kam er und schon wieder passte es nicht, weil er so abgenommen hatte. Die Mutter war nun so verdrossen, dass sie ihn aus dem Haus jagte. Und da heißt es dann:

"Deswegen muss nun der arme Schelm nackt und bloß am Himmel laufen, bis jemand kömmt, der ihm ein Röcklein tut kaufen."

Wie gesagt: Schon Plutarch kannte diesen Schwank:

Selene - die Göttin des Mondes - bat einst ihre Mutter, ihr ein passendes Gewand zu weben. Diese aber erwiderte: "Wie soll mir das gelingen? Sehe ich dich doch bald voll, bald abnehmend, bald zunehmend."

Ansonsten taucht ganz vereinzelt in Mythen auf, dass das Zu- und Abnehmen des Mondes Ausdruck von Liebe und Liebesschmerz sei, von Krankheit und Heilung - man bedenke auch: die sprichwörtliche Liebeskrankheit.

Ist das nicht verwunderlich? Es gibt kein Volk auf dieser Erde, das - wenn es einen Kalender hat - diesen nicht dem Mond - genauer den Mondphasen - verdankt. Selbst unsere Monate gehen urtümlich auf die Mondphasen und ihre Dauer zurück. Die 365 Tage des Jahres sind doch nun wahrlich recht unübersichtlich. Und so begannen die Menschen allenthalben stattdessen die gut 12 Mondphasen und ihre jeweiligen Tage durchzuzählen. Daher die sieben Tage der Woche, daher die rund 29/30 Tage des Monats… Sie ließen sich z.T. komplizierte Schaltregeln einfallen, um die 10 Tage Differenz zwischen Mondzyklus und Sonnen-Jahres-Zyklus auszugleichen.

Aber sie erzählen kaum Geschichten über die Mondphasen. Sie erzählen über die Mondflecken. Sie erzählen über Männer und Frauen im Mond. Sie erzählen über Kinder und Bräute oder andere, die der Mond entführt/entrückt…

Aber was die Geschichten über die Mondphasen angeht, wird man nicht so richtig fündig…

Der Mondheld - ein Geschichtenmuster

Vor mehr als zehn Jahren stieß ich nun auf Geschichten in der germanischen Mythologie, die so augenfällige Parallelen zum Licht- und Gestaltwechsel des Mondes aufwiesen, dass ich sie näher untersuchte. Leider wird in diesen Geschichten mit keinem Wort der Mond erwähnt.

Nun mag man sich fragen, ob die Geschichten dann überhaupt etwas mit dem Mond zu tun haben?

Dies ist eine sehr berechtigte Frage, die aber auch sehr kompliziert ist. Bevor ich also auf "meine" Geschichten zu sprechen komme, möchte ich ihnen einige Gedanken dazu mit auf den Weg geben.

Dichtung ist wie Bilder malen mit Worten

Menschliche Geschichten sind nur selten originalgetreue Abbilder der Welt. Wenn irgendwo also vom Mond die Rede ist, ist noch lange nicht gesagt, dass dies der Mond auch wirklich ist.

Es gibt nämlich Geschichten, die offenkundig etwas mit dem Mond zu tun haben: Sie erwähnen ihn im Titel und im Laufe der Geschichte. Zum Beispiel das 175. Grimm-Märchen "Der Mond" (KHM 175):

… und [die drei] gelangten in ein anderes Reich, wo abends, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, auf einem Eichbaum eine leuchtende Kugel stand, die weit und breit ein sanftes Licht ausgoß. Man konnte dabei alles wohl sehen und unterscheiden, wenn es auch nicht so glänzend wie die Sonne war. Die Wanderer standen still und fragten einen Bauer, der da mit seinem Wagen vorbeifuhr, was das für ein Licht sei. "Das ist der Mond," antwortete dieser, "unser Schultheiß hat ihn für drei Taler gekauft und an den Eichbaum befestigt. Er muß täglich Öl aufgießen und ihn rein erhalten, damit er immer hell brennt. Dafür erhält er von uns wöchentlich einen Taler." …

Sie kennen vielleicht das Märchen: Die drei Burschen stehlen den Mond und bringen ihn in ihr eigenes Land. Am Ende nimmt ein jeder von ihnen einen Teil davon mit ins Grab. Das Licht bringt jedoch so viel Leben in die Unterwelt, dass Petrus das Schlimmste befürchtet und den Mond wieder aus der Unterwelt entfernt und ihm am Himmel aufhängt.

So ist das also mit dem Mond! Von den Lichtphasen ist auch hier nicht die Rede, aber vom Mond. Nun hat dieser Mond nicht viel mit dem wirklichen Mond zu tun. Denn es ist im Grunde nur eine etwas größere Straßenlaterne.

Aber es ist ja auch nur ein Metapher, ein erzählerisches Bild. Vielleicht eine uralte Vorstellung - vielleicht sogar ein heidnischer Mythos. Wer weiß das schon…

Festhalten müssen wir aber, dass das Bild der Erzählung Fantasie ist und nicht wirklich etwas mit dem Mond zu tun hat. Wie auch in dem nächsten Beispiel:

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmerung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond da stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön:
So sind auch manche Sachen,
die wir getrost verlachen,
weil unsere Augen sie nicht sehen.

Matthias Claudius schrieb dies - 1778. Wir kennen es alle - sie wahrscheinlich noch besser als ich. Worum geht es: Um den Mond. Ganz eindeutig! Den wohl in der abendlichen Dämmerung aufgehenden, aufgegangenen Mond, den Halbmond…

Nun welcher Halbmond ist das aber? Der zunehmende oder der abnehmende? Und wann ist er genau aufgegangen? Nun ein Halbmond geht zunehmend um Mittag auf, abnehmend um Mitternacht. Zur abendlichen Dämmerung steht folglich nur der zunehmende Halbmond am Himmel. Und er steht hoch am Himmel! Es mutet seltsam an, den Aufgang des Mondes zu erwähnen, wenn der Mond im Süden hoch über dem Horizont steht. Zu Mittag würden wir wohl kaum den Aufgang der Sonne ausdrücklich erwähnen.

Aber auch hier: Es geht doch gar nicht um den Mond. Der Mond wird benutzt um ein Gefühl, eine Erkenntnis und Stimmung in poetischer Sprache zum Ausdruck zu bringen.

Wir halten fest: Längst nicht überall, wo vom Mond die Rede ist, geht es um den Mond. Doch dies ist kein Etikettenschwindel, sondern dichterische Freiheit.

Umgekehrt können wir etwas anderes behaupten: Wenn auch in keinem Wort in einer Erzählung der Mond auftaucht, könnte es sich urtümlich um eine Geschichte darüber handeln. Was zu beweisen wäre.

Geschichtenmuster: Symbolik versus Handlungsstruktur

Sie kennen das Spiel "Stille Post". Wenn sie einen kurzen Satz oder ein Wort weitergeben, dann unterliegt dieses den seltsamsten Verwandlungen. Am Ende kommt etwas heraus, was nicht mehr viel mit dem Urtümlichen zu tun hat. Schickt man aber ein Märchen oder eine andere umfängliche Geschichte auf die Reise, dann ist das Ergebnis ein anderes! Die am Ende ankommende Geschichte ist meist in verdichteter Form der Ursprungsgeschichte immerhin so ähnlich, dass wir sie wiedererkennen.

Die symbolisch und motivisch Ausschmückungen hängt vom erzählerischen Talent der Beteiligten Personen ab, von deren Weltanschauung und von Hörgewohnheiten. Die Struktur der Handlung aber ist vergleichsweise konstant.

Symbolische Deutungen von Märchen kennen sie alle. Sie fanden im letzten Jahrhundert insbesondere durch die märchendeutenden Psychologen Verbreitung. Ich - obwohl Psychologe - stehe ihnen sehr skeptisch gegenüber. Ich halte mich lieber an die Erkenntnis aus der "Stillen Post": Das Eigentliche am Märchen ist für mich in der Handlungsstruktur zu finden. Bei aller dichterischen Freiheit ist sie relativ konstant.

Handlungsstruktur: Fernliebe - Gestaltwechsel - Vereinigung

Am Anfang meiner Forschung stand die Entdeckung, dass es drei erstaunlich ähnliche Geschichten in der germanischen Mythologie gibt, für die bislang als einzige Erklärung ins Feld geführt worden war, dass die Autoren oder Dichter einfach von einander abgekupfert haben. Da behauptete man einfach, dass eine der Geschichten die älteste sei und dass die anderen beiden einfach nur Kopien der ersten seien. Andere wiederum ignorierten die Ähnlichkeit der Geschichten und leiteten sie aus ganz verschiedenen Ursprüngen ab.

Ich nannte das Muster der drei Geschichten einfach Mondheld, weil es mich an Sonne und Mond in ihrem gemeinsamen Zyklus, dem Licht- und Gestaltwechsel des Mondes erinnerte. Die Anhaltspunkte für diese Assoziation werde ich ihnen gleich noch mitteilen.

In den Mondheldengeschichten trat mir zunächst ein Dreischritt entgegen: Fernliebe, Gestaltwechsel, Vereinigung. Dieser Dreischritt taucht in den meisten Erzählungen einmal auf, seltener auch mehrfach hintereinander.

Zwei Beispiele seien hier direkt erwähnt:

In der germanischen Mythologie gibt es das Lied von Swipdag. Ganz märchentypisch wird ihm von seiner Stiefmutter auferlegt, eine Frau, die Riesin Menglöd, die im Osten lebt, zu lieben. Er darf keine andere freien. Der Weg aber ist sehr weit und voller Gefahren. Er verwandelt sich, gibt sich einen neuen Namen und macht sich auf den Weg. Er gelangt endlich zur Burg der Geliebten Menglöd und erfährt, dass es keine Möglichkeit gibt hinein zu gelangen - außer für Swipdag. Er muss sich also nur als "er selbst" zu erkennen geben.

Eine andere Geschichte - das Skirnirlied - erzählt von Freyr, der im Osten die strahlend schöne Riesin Gerdr entdeckt und sich in sie verliebt. Er ist völlig zerknirscht vor Liebeskummer. Sein Diener und Jugendfreund Skirnir erfragt, was ihn so bedrängt und macht sich statt seiner auf den Weg. Ihm gelingt am Ende die Fahrt: er kann - wenn auch erzwungen unter der Androhung von Zauber - die Einwilligung der Frau heimbringen.

In beiden Geschichten steht am Anfang Fernliebe, dann folgt ein Gestaltwechsel (oder ein Wechsel der handlungstragenden Gestalt) und am Ende steht zumindest die Zusage zur Vereinigung.

Die Lunation als Variante und Vorlage des Musters

Was hat das mit dem Mond zu tun? Nun: Wer entdeckt, wenn er nach Osten schaut, eine strahlend schöne Geliebte, zu der er selbst nicht gelangen kann?

Als ich am zweiten Weihnachtstag mit meiner Familie im Auto nach Süden zu meinen Verwandten fuhr, konnte ich, bis wir in den Nebel gerieten, das herrliche Schauspiel sehen: Im Nordwesten ging der Mond langsam unter, im Südosten stieg langsam die Sonne auf. Das allmonatliche Ende einer Vollmondnacht!

Hätte dann nicht der Regen und die durchgehende Bewölkung eine weitere Beobachtung vereitelt, so hätte ich die nächsten Morgende beobachten können, wie der Mond immer mehr abnimmt und sich zugleich langsam aber stetig der Sonne annähert - nach Osten geht. Der lichte Mond sucht offenkundig die Nähe der Sonne, doch schwindet er dabei immer mehr. Der lichte Mond kann nicht zur Sonne gelangen. Ein anderer muss gehen! Die dunkle Seite des Mondes!

Diese macht ihren Weg zur Sonne und vereinigt sich mit ihr, verschwindet bei ihr. Teilt mit ihr das Lager. Ehe abends - nach drei Tagen -, eine hauchdünne Sichel wieder erscheint. und sich langsam aber sicher, nach Osten ziehend, zum neuen Nachtherrscher aufschwingt.

Mit diesem Muster vor Augen konnte ich nun eine ganze Reihe anderer Geschichten finden, die der selben Handlungsstruktur folgen, wenn sie auch z.T. andere Symboliken und Motive verwenden und z.T. andere Ausgangspunkte und Zielpunkte innerhalb der Mondphasen bevorzugten.

Diese Ähnlichkeit zwischen Geschichten und Mondphasen - nun man kann sagen: Reiner Zufall. Aber in der Wissenschaft gilt eigentlich das Prinzip: Wenn ich etwas einfach hinreichend genau erklären kann, wozu sollte ich eine kompliziertere Erklärung suchen.

Nun möchte ich ihnen einige Momente der Mondheldengeschichte erzählen, ihnen bekannte Märchen als Ausdruck dieser Momente mitgeben.

Beispiele Fernliebe

Ich hatte ihnen ja schon erzählt: Swipdag muss Menglöd lieben, weil ihm seine Stiefmutter dies durch Zauber bestimmt hat. Freyr verliebt sich unsterblich in Gerdr, ob er will oder nicht. Der junge König im "treuen Johannes" verliebt sich in das Bildnis der Prinzessin vom goldenen Dache. Ivan Zarewitsch bekommt im russischen Märchen vom "unsterblichen Koschtschej" von seiner Amme prophezeit, er müsse Wassilissa Kiribitewna freien. König Mark aus Cornwall verliebt sich in die Besitzerin des goldenen Haares, dass ihm ein Vogel in den Schoß fallen lässt. König Gunther aus Worms - oder wie er in der Edda heißt: König Gunnar - verliebt sich durch das Hörensagen in die sonnengleiche Brünhild im fernen Island.

Achtung: Ich könnte die Liste der Fernlieben in Märchen, Sagen und Mythen fortsetzen, aber nicht jede Fernliebe gehört zum Mondheldenmuster. Ohne den folgenden Schritt passt es nicht:

Beispiele Gestaltwechsel

Swipdag geht zwar selber, aber er muss sich als ein anderer ausgeben. Freyr schickt seinen treuen Diener Skirnir, der junge König im treuen Johannes macht sich mit eben seinem treuen Diener auf den Weg und gibt sich als ein anderer, ein Händler aus. Iwan Zarewitsch macht sich zwar selber auf den Weg. Doch ohne den von ihm losgekauften Bulat kann er nicht sein Ziel erreichen. Und vor Ort erledigt Bulat fast alles für Iwan. König Mark schickt seinen Neffen Tristan aus, die Besitzerin des goldenen Haares, Isolde von Irland zu suchen und zu werben. Gunther oder Gunnar ist angesichts der mächtigen Brünhild völlig machtlos. Nur sein treuer Verbündeter Siegfried oder Sigurd kann die Schwierigkeiten überwinden, die Prüfungen bestehen.

Damit haben wir den zweiten der drei Schritte getan. Der dritte folgt auf dem Fuße:

Beispiele Vereinigung

Swipdag kommt endlich zur Burg Menglöds. Sie ist von einem Feuerwall umgeben. Sie wird von Riesen bewacht. Und es gibt keine Möglichkeit diese Schutzwehr zu überwenden, es sei denn er ist der Auserwählte. Das ist er: sobald er sich als er selber zu erkennen gibt. Skirnir, der Freund und Diener Freyrs, kommt zu Gerdr. Sie lebt auf einer Burg, von einem Feuerwall umgeben, von abweisenden Riesen bewacht. Schließlich gelingt es ihm durch Zauberei sie zur Liebe zu bewegen. Freyr übrigens stirbt schließlich, weil er seinem Diener Pferd und Zauberschwert überlassen hat, für den Dienst.

Der treue Johannes erreicht die goldene Burg der Prinzessin vom goldenen Dache und kann sie durch List entführen. Mächtige Zauber versuchen das Glück des jungen Paares zu zerstören und versteinern schließlich den treuen Johannes, der aus Eifersucht vom jungen König zum Tode verurteilt wird.

Im russischen Märchen vom "unsterblichen Koschtschej" gewinnt Bulat durch seine unermessliche Kraft und List, die Hand der schönen Wassilissa für seinen Zarensohn. Wassilissa sitzt in einem wehrhaften Turm. Sie werden auf der Flucht mit der Braut von Soldaten verfolgt und zeitweilig wird die Schöne sogar von dem unsterblichen Koschtschej, einem Dämon, entführt. Sie kann befreit werden und die anderen Gefahren können abgewehrt werden. All dies tun der kühne Bulat. Aber er versteinert schließlich, weil Iwan Zarewitsch seiner Treue nicht glaubt.

Tristan gelingt es, die schöne Isolde schließlich für Mark zu gewinnen. Wenn nicht auf der Heimfahrt der Liebestrank versehentlich an die beiden ausgeschenkt worden wäre. Die weitere Geschichte entspinnt sich um Treue und (berechtigte) Eifersucht. In einer irischen Variante ist es Grainne, die Gattin Finns, welche sich in dessen treuen Kämpfer Dermot verliebt. Durch Zauber gelingt es ihr mit ihm zu entfliehen. Er legt das Schwert zwischen sie und sich. Doch all seine Treue nützt ihm am Ende nichts. Die Eifersucht seines Königs bringt ihn um.

In der nordischen Version der Nibelungensage gewinnt Sigurd - unser Siegfried - in Gestalt des Gunnars die Hand der Brünhild. In der Brautnacht aber legt er das Schwert zwischen sie und sich. Am Ende nützt ihm dies nichts, denn angestachelt von der enttäuschten Brünhild, lässt Gunnar aus Eifersucht Sigurd töten.

Der Mondheld - Doppelter Held unterwegs

Nun haben sie den Dreischritt beispielhaft an einigen Geschichten kennen gelernt. Ich könnte ihnen noch eine ganze Reihe anderer Geschichten nennen, die diesen Dreischritt enthalten. Z.B. kommt er in leicht modifizierter Form im ältesten, uns überlieferten Märchen der Welt vor: Im ägyptischen Brüdermärchen. Auch die europäischen Varianten des Zwei-Brüder-Märchens enthalten diese Momente in etwas modifizierter Zusammenstellung.

Im ersten Fall - dem ägyptischen Märchen, welches um 1300 v.Chr. niedergeschrieben wurde - geht tauchen die zwei Helden auf: Bata und sein Bruder Anubis. Die Frau Batas versucht Anubis zu verführen und gekränkt durch seine Zurückweisung erweckt sie die Eifersucht Batas, der seinen Bruder daraufhin töten will. Nachdem Anubis glücklich der Verfolgung entkommen ist, verbirgt er sein Herz - gleich dem unsterblichen Koschtschej - in einem Baum. Seine Braut verliert ein Haar, welches dem Pharao dazubringt, sich unsterblich in die Schöne zu verlieben. Seinen Getreuen gelingt es schließlich, durch eine Indiskretion der Gattin Anubis diesen zu töten - ganz wie beim russischen Koschtschej. Der daheimgebliebene Bruder Bata erlöst seinen Bruder vom Tod… Den Rest spar ich mir an dieser Stelle.

Im Fall der Zwei-Brüder-Märchen ist es wieder anders und doch ähnlich: Zwei Brüder haben unterschiedliche Wege beschritten und ein Lebenszeichen vereinbart. Der eine ist sehr erfolgreich gewesen, gerät aber in die Fänge einer Hexe, die ihn versteinert. Der andere erfährt davon durch das Lebenszeichen. Er bricht auf, trifft die schöne Gattin seines Bruders, die ihn für ihren Gemahl hält - häufig legt er das Schwert zwischen sie und sich - und kann endlich seinen Bruder aus seiner Versteinerung erlösen - ganz wie am Ende des treuen Johannes. Dieser aber glaubt seiner Treue nicht und tötet ihn. Am Ende macht er ihn wieder lebendig.

Der Mondheld - Eine Dreiecksgeschichte

Wozu habe ich ihnen all dies erzählt? Ich weiß: Sie können nicht alle Details behalten und, wenn sie nicht all diese Geschichten sowieso kennen, ist es sehr verwirrend. Was ich aber durch diese Auflistung hoffentlich begreiflich machen konnte ist Folgendes:

In der Mondheldengeschichte gibt es offenbar ein "Dreieck" von Beziehungen:

  • Der lichte Mond, der die Sonne liebt aber selber sie nicht zu gewinnen weiß,
  • den dunklen Mond, der für den lichten die Sonne freit, dabei aber immer in ein Spannungsfeld Liebe, Eifersucht und Tod (z.B. Versteinerung) gerät,
  • und die geliebte Sonne, eine über alle Maße schöne Frau, um deren Willen sich jeder Einsatz lohnt und die beiden wohlgesonnen ist.

Als Psychologe interessiert mich natürlich das Spannungsfeld zwischen all diesen Emotionen besonders. Aber als Märchenforscher fasziniert mich am Mondhelden etwas anderes:

Die meisten Märchen sind offenkundig Märchen, die Ablösungsprozesse zwischen Eltern und Kindern thematisieren. Walter Scherf beziffert diese auf etwa 80% aller Märchen, die er kennen gelernt hat. Aber neben diesen gibt es offenbar noch einige andere, die scheinbar Geschwisterkonflikte thematisieren. Geschwisterkonflikte kennen wir auch aus Ablösungsmärchen. Dort tauchen Geschwister immer wieder als erfolglose Kontrastfiguren auf. Die Pechmarie im Gegensatz zur Goldmarie. Die sich Zehen und Hacken anschneidenden Stiefschwestern des Aschenbrödels…

Das Mondheldenmuster aber beschreibt eine andere Art von Geschwisterkonflikt, von Rivalität um eine Braut und um Macht, von Neid, Eifersucht, Liebe und Treue… Wir haben mit diesem Muster einen Schlüssel in der Hand, welcher uns eine ganze Anzahl von Märchen und Mythen aufschlüsseln kann. Namentlich die Zwei-Brüder-Märchen, einige Helfermärchen - um den dankbaren Toten und Tierhelfer, wo diese eine tragende Rolle spielen -, die Märchen vom Typ des treuen Johannes…

Sie mögen einwenden, dass der treue Johannes nicht der Bruder des jungen Königs ist: In vielen Varianten dieses Stoffes ist es aber der Ziehbruder, des jungen Königs, der später zu seinem treuen Diener und Begleiter wird.

Was haben wir also gewonnen? Einen Schlüssel! Mehr nicht und weniger aber auch nicht. Und der Licht- und Gestaltwechsel kann uns als kosmische Vorlage für die poetische Ausgestaltung des Stoffes dienen.

© Christoph Bornewasser 2005

Die katholische Akademie und Heimvolkshochschule Kardinal von Galen Haus in Stapelfeld (bei Cloppenburg) findet sich im Netz mit der Seite www.ka-stapelfeld.de.